Weltreise in der Provence

Klangvolle Tage und Nächte in Arles.

Während bei uns die Fenster zur Welt auf den Sommerfestivals immer kleiner, teils sogar geschlossen werden – eine beunruhigende Entwicklung gerade in der gegenwärtigen politischen Klimakatastrophe – setzt die große Kulturnation Frankreich weiterhin auf denkbar größte Offenheit.

Zum Beispiel beim Festival Les Suds: Dort hat man den Luxus, neben etlichen kleinen Plätzen und Gärten in der Stadt ein antikes römisches Theater zu bespielen. Und das gab es unter anderem zu entdecken: Marokkanische Berbergesänge über tunesischen Beats mit Aïta Mon Amour, abgelöst durch den Raï-Star Sofiane Saidi, der die algerisch-französische Schauspielerin und Sängerin Camélia Jordana einlud.

Der kommende Star der Música Popular Brasileira, Mari Froes aus Goiás mit ihrem sanften Alt und gezügeltem Akustik-Samba, gefolgt von Malis Vorkämpferin für Frauenrechte, Fatoumata Diawara, die mit ihrer selbstdesignten Epiphone-Gitarre eine knackige Rock-Show leider in einem „Imagine“- und „No Woman No Cry“-Medley enden ließ.

Irre madagassisch-französische Polyrhythmik mit Bobo & Behaja und ein zur Gospelpredigt mutiertes Interview mit dem Jazzsaxophonisten Jowee Omicil. Das iranisch-libanesisch-albanische Trio L’Antidote zwischen Tradition und pianistischem Neoklassik-Klanggewitter und den Perkussionskünsten von Bijan Chemirani. Und schließlich der 84-jährige katalanische Gamben-Altmeister Jordi Savall, der in dieser traumhaften Kulisse mit dem Ensemble Hesperion XXI seine musikalische Stadtgeschichte Istanbuls ertönen ließ. Einige Fotoeindrücke.

alle Fotos © Stefan Franzen

Von Valencia nach Persien


Efrén López, Stelios Petrakis, Bijan Chemirani
Taos
(Buda Musique)

Ein imaginäres Klangreich von der spanischen Costa de Azahar über Kreta bis in den Nahen Osten – das entfaltet sich auf dieser CD. Den Multi-Instrumentalisten Efrén López kennt man seit seiner Zeit bei der Gruppe L’Ham de Foc als Erkunder jedes nur erdenklichen Saiteninstruments der letzten acht Jahrhunderte. Stelios Petrakis ist ein Meister der kretischen Streichlaute Lyra, Bijan Chemirani Mitglied einer berühmten iranischen Perkussionsdynastie. Nach seinem Debüt Mavra Froudia von 2011 knüpft das Trio jetzt weiter am Netzwerk zwischen Mittelmeer und Asien.

Mit „Helicobtir“, einer Widmung an die Fragilität der Libelle, geleiten uns die drei mit einem feierlichen Hymnenton in ihr Universum. Wie ein mittelalterlicher Veitstanz schließt sich „Shin U Zer“ an, basierend auf kurdischen Folktönen. Damit ist auch schon der ganzen faszinierenden Spannbreite zwischen kontemplativer und tänzerischer Sphäre der Boden bereitet. „Imeres Siopsis“ beginnt in höfisch-schreitender Eleganz, galoppiert dann aber rasant hinweg. In vielen Stücken wohnt solch eine unglaubliche Mikro-Dramaturgie, die innerhalb weniger Minuten eine vielgesichtige Suite entfaltet.

Es ist dabei vor allem López‘ Instrumentenpark, der immer wieder überraschende Räume öffnet: Eine einsame afghanische Laute lässt etwa in „To Katehon“ an eine Einsiedlergrotte denken, schwingt sich dann im Ensemble aber zu spiritueller Feurigkeit empor. Petrakis‘ Lyra übernimmt mit ihren rauchigen Obertönen dagegen in „Siranush“ die Hauptrolle, singt dieses armenische Liebeslied ohne Worte.

Der Höhepunkt ist mit López‘ Komposition „1oo Ulls“ erreicht, einer farbenprächtigen Widmung an die mythologische Figur des Argus‘ und seiner hundert Augen, die Göttin Hera nach dem Tod ihres Dieners in die Federn des Pfaus versetzte. Das Trio gestaltet sie mit einer rauschhaften Drehleiermelodie und majestätischen Rhythmen der nahöstlichen Perkussion Chemiranis. Der hat im Finale der CD einen grandiosen Soloauftritt, bevor die Reise mit „Nekyia“ endet, ein wehmütig atmendes Lamento der Lyra, inspiriert durch Odysseus‘ Ausflug in den Hades.

© Stefan Franzen

López – Petrakis – Chemirani spielen in der Schweiz:
26.2. Lausanne, Forum du Rolex
27.2. Zürich, Moods
1.3. Delémont, Centre Culturel Régional

Efrén López, Stelios Petrakis & Bijan Chemirani: „Taos“ EPK
Quelle: youtube