The Last Gig In The Sky

pink floyd the endless riverPink Floyd
The Endless River

Mitten in dieser 54-minütigen Abschiedssymphonie tritt er plötzlich ganz unvorhergesehen hervor: Rick Wright sitzt an der großen Pfeifenorgel der Royal Albert Hall und in diesem einen Moment scheint es tatsächlich, als spiele er da seine eigene Totenmesse. Als Requiem auf den und Versöhnung mit dem 2008 verstorbenen Keyboarder wollten Dave Gilmour und Nick Mason dieses wohl letzte Pink Floyd-Album inszenieren. Dafür haben sie die Archive der Aufnahmen zu The Divison Bell (1994) durchkämmt, viele Stunden Ausschussmaterial zu 18 „neuen“ Stücken in vier Sektionen zusammengesetzt.  Doch The Endless River ist eher ein Abgesang auf die Bandversion der Siebziger geworden.

Es beginnt als Soundtrack zum esoterischen Cover. Wie ein Vorspann zu einem Erlösungs-SciFi mutet das an, was aus den mild zischenden Keyboard-Nebeln entgegenleuchtet. Man könnte sich gut Morgan Freemans Erzählstimme vorstellen:  „A wise man once said…“ Gilmour spielt dazu den E-Bow, der wie ein scheppriger Hybrid aus Slide und Sitar wirkt. Und dann geht es auch schon los mit den Selbstzitaten: Die traurigen Moogs aus „Welcome To The Machine“ und „Shine On…“ lassen einen schmunzeln, die seit Wish You Were Here wie ein Archetyp im Ohr des Rockhörers verankerte Kombination aus Hammond und bluesrockigen Kadenzen auf der E-Gitarre übernehmen das Ruder. Nick Mason rührt mächtig die Toms, Gilmour lässt die Motoren wie in „One Of These Days“ aufheulen, zwischendrin geht es gar mal in die perkusssive Anarchie aus dem Live in Pompeji-Film hinein. Ein spartanisches Duett von Wright und Gilmour leitet dann zu „Anisina“, das einzige Stück mit Songcharakter, klar an Wrights Komposition „Us And Them“ angelehnt. Was hier wunderbar funktioniert: Wie sich Gastmusiker Gilad Atzmon an Klarinette und Sax und Gilmour gegenseitig in höchste Lagen emporhieven.

pink floydFoto: Promo

Und immer schneller folgen die Reminiszenzen aufeinander im dritten Part:  Posthume Einsichten in Wrights räumliche Schichtungen kontert die Band mit einem plakativen Remake des „Run Like Hell“-Grooves, aus deren Mitte sich besagte Orgel erhebt. „Talkin Hawkin'“ mit geisterhaften Samples des berühmten Physikers ist dann unverkennbar eine Verbeugung vor dem himmlischen Gospel von „The Great Gig In The Sky“. Zum Schluss dann singt Dave Gilmour schließlich doch noch Worte, zu gelungenen Zeilen seiner Frau Polly Samson, die die Pink Floyd-Mitglieder, so zerstritten sie auch sein mochten während ihrer Bandhistorie, als unbeirrbare Navigatoren auf dem Weg der Seele zeichnen. Lauter als Worte sei die Summe ihrer Teile und der Schlag ihrer Herzen. „Louder than words“ ist zugleich auch die grandiose Neuauflage von „Comfortably Numb“, mit einer Lösung nach Dur, die nach all den Molltönen zuvor wie eine Erlösung wirkt. Nur schade, dass Gilmours Finalsolo doch recht kurz ausfällt.

Unterm Strich bleibt der Eindruck, dass man hier ein schweres, schweinsledernes Buch in der Hand hält, in dem letztendlich wenig drin steht. The Endless River wirkt wie eine schnelle Rückschau auf das gesamte Leben mit blitzartigen Eindrücken, ein Nahtoderlebnis, während der Nachen bei diesem Schnelldurchlauf unaufhaltsam dem ewigen Licht entgegensteuert. 18 Kapitel in 54 Minuten, das ist für Pink Floyd-Verhältnisse Fragmentlänge. In der deutschen Hörspielvertonung von Douglas Adams‘ Per Anhalter ins All spielt der depressive Roboter Marvin auf dem fernen Planeten Magratea „Shine On You Crazy Diamond“, während die Besucher auf der Oberfläche Walfischfetzen entdecken. Dieser Pottwal, ein Produkt des Zufallgenerators, hatte auf seinem Flug nach unten nur drei Minuten Zeit, sich über seine Existenz und das Universum klar zu werden, bevor er zerplatzte. Ein bisschen fühlt man sich als Hörer von The Endless River wie dieser Wal.

©Stefan Franzen

Pink Floyd: „Anisina“
Quelle: youtube

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