Reset-Knopf für die Achtziger

Heute vor 40 Jahren erschien Peter Gabriels bahnbrechendes drittes Soloalbum, für mich ein prägendes Werk meiner Jugend. Nach seinem zweiten Album, das von vielen Kritikern als Auslotung des klanglichen Suizids beschrieben wurde, bricht Gabriel, an der westlichen Zivilisation krankend, zu neuen musikalischen Ufern auf. Er beginnt, inspiriert durch afrikanische Rhythmen, seine Musik auf die Basis von schweren, dunklen Patterns zu stellen. Drum-Maschinen und Soundcomputer werden in seiner Arbeit, die immer mehr ethnische Aspekte miteinbezieht, von nun an ein Markenzeichen. Prominenz wie Robert Fripp, Phil Collins, Tony Levin, Kate Bush und David Rhodes unterstützten Gabriel bei den Aufnahmen, produziert hat Steve Lillywhite.

Ich möchte Gabriel selbst mit seinen damaligen Worten sprechen lassen: „Bei meinem dritten Album entschied ich mich, den gesamten Prozess des Songschreibens neu zu überdenken. Bisher näherte ich mich der Musik auf dem Wege der Melodien und Harmonien und füllte den Rest dann später aus. Doch mein Freund Larry Fast (Anmerkung: Gabriels Synth-Bassist) schlug mir vor, mit einem bestimmten Rhythmus anzufangen, so dass das eigentliche Rückgrat der Musik erst später Gestalt annahm.“

Das aufregendste Beispiel dafür ist die Single-Auskopplung „No Self Control“, die er am 15. Mai 1980 in Top of The Pops mit folgendem Auftritt vorstellte:

Peter Gabriel: „No Self Control“ (Top Of The Pops)
Quelle: youtube

Königswoche II: Eiserne Präzision

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King Crimson
Liederhalle Stuttgart
08.09.2016

„Wenn Sie Visionen haben, gehen Sie zum Arzt“, riet bekanntlich der verstorbene Altkanzler Helmut Schmidt. Robert Fripp hat das zum Glück nicht getan. Am Tag als Englands zukünftiger König Georg geboren wurde, sei ihm eine neue Besetzung von King Crimson erschienen, beteuert der 70-jährige Gitarrist. Und in dieser Vision spielten drei Drummer vorne am Bühnenrand.

Die Annalen des Rock sind voll von Bands, in denen sich über die Jahrzehnte nur noch ein Gründungsmitglied gehalten hat und die ihren Sound immer wieder drastisch veränderten. King Crimson haben sich seit ihrem Gründungsjahr 1969 jedoch derart oft gehäutet, mit rund zwei Dutzend Mitgliedern und einem Dutzend Varianten, dass man eher von einer Auswechslung der DNA sprechen sollte. Umso erstaunlicher: Die Progressive-Pioniertaten des Anfangs, die brachialeren Ausflüge der Siebziger und die neueren Kompositionen, die an die etwas poppigere Achtzigerepisode anknüpfen, werden in der seit 2014 tourenden Verkörperung des „purpurnen Königs“ zu einer homogenen Handschrift gebündelt. Nicht nur dank Fripp, des akkuraten Masterminds hinter allen Phasen der Band, auch wegen eines auf allen Positionen herausragenden Line-Ups.

Als die sieben Musiker die Bühne im Stuttgarter Beethovensaal betreten, werden gleich einmal etliche Rock-Parameter ausgehebelt. Man trägt Weste und Schlips, eine Lightshow fehlt gänzlich, es fühlt sich fast an wie ein Klassikkonzert. Doch da sind eben jene drei imposanten Schlagzeugaufbauten in der ersten Reihe. Ihnen gebührt auch der Anfang eines jeden der zwei Sets: Ausgehend vom sehr physisch und bevorzugt in den Bassfrequenzen agierenden Gavin Harrison, der die Partituren für die Schlagwerker ausgetüftelt hat, fächert sich der Dreier räumlich zu Pat Mastelotto auf. Er arbeitet den Becken- und Hi-Hat-Bereich heraus, in der Mitte sitzt eher jazzig und feinmechanisch Jeremy Stacey, der aber auch Piano- und Mellotronarbeit zu leisten hat.

Dieses dreiköpfige Monster hat sein Eigenleben, wird aber durch die vier sehr diziplierten Herren dahinter förmlich im Zaum gehalten. Fripp bedient sein Instrument grundsätzlich im Sitzen und nahezu bewegungslos, ganz gleich, ob er in „Larks‘ Tongues In Aspic I“ martialische Rhythmen heraushämmert oder mit sturer Präzision komplexe Minimalkonstrukte im Siebenertakt liefert. Mitunter verzahnt er sich mit dem zweiten Gitarristen Jakko Jakszyk wie in einem unerbittlichen Uhrwerk, etwa im grandiosen „Fracture“, das wie eine Abfolge mathematischer Gesetzmäßigkeiten tönt. Jakszyk mit der verwegenen Lockenmähne ist der Einzige in der Altherrenband, der wirklich Rockgestus zeigt in seinen Soli. Er ist auch für die Vocals zuständig, allerdings ohne jegliches Vibrato oder Pathos, selbst wenn er zum Schrei ansetzt, klingt er noch eigentümlich beherrscht. Zur letzten Paarung sind der King Crimson seit langem verbundene Bassmann Tony Levin und Saxophonist und Flötist Mel Collins gruppiert, sie vebünden sich oft unisono in den bandtypischen chromatischen Ostinati zu einem mächtig stampfenden Biest. Doch in „The Court Of The Krimson King“ umspielt der wie eh und je entspannte Levin Collins‘ Flötenkaskaden auch mal warm und ganz unbeschwert.

Höhepunkte in der 150-minütigen Show zählt man reichlich: „Red“, das Titelstück der Siebziger-Kultplatte gerät in der neuen Version noch scharfkantiger, ein zähnefletschendes Ungeheuer mit großer Wirkung der drei Drumsets zu den emporkletternden Gitarren. In „Epitaph“, dieser großen Morbiditätshymne vom ersten Album, wirkt die perkussive Fülle dagegen überzeichnet, raubt der Melancholie Raum. Tiefer ist die Trauer am Anfang von „Starless“: Zu den düsteren Mellotronwolken und den bedrohlichen Tonwiederholungen, die wie eine hartnäckige Stechmücke ins Ohr kriechen, wandelt sich schließlich erstmals das Bühnenlicht: zu einem tiefen Purpur.

Kaum jemand hätte mit dem Aufgebot in der Zugabe gerechnet: Das Schlagzeugtrio begibt sich auf die Fährte der balinesischen Gamelan-Musik, nahtlos daran schließt sich David Bowies „Heroes“ an, mit dem wohl am längsten gehaltenen E-Gitarren-Ton der Rockhistorie – paradoxerweise wohl jener Ton, der Fripps Gitarre für immer unsterblich gemacht hat. Allerdings wird der Song durch Jakszyks Stimme zum Fremdkörper: Man kann ihn wirklich nur von Bowie hören. Unvermeidlicher Finalakzent: „21st Century Schizoid Man“ mit einer Free-Jazz-Orgie aus Collins‘ Sax über dem Trommelgewitter. Das Faszinosum King Crimson ist 47 Jahre nach der Gründung ungebrochen: Mit sieben fulminanten Persönlichkeiten, die sich zu eiserner, kühler Präzision vereinigen, dürften sie auch heute die beste Rockband des Planeten sein.

© Stefan Franzen

Schatzkiste #7: Bad And Sad

odonel levy - simba

O’Donel Levy: Simba 
(Groove Merchant, 1973)

Wer auf der Suche nach funky Gitarristen ist und sich von den üblichen Verdächtigen wie George Benson wegbewegt, stößt schnell auf O’Donel Levy. Der Mann hat ein paar durchwachsene Platten gemacht, aber das hier dürfte sein Meisterwerk sein. Gleich der Opener „Bad, Bad, Simba“ hört sich an wie ein grandioses Blaxploitation-Interludium, das er mit jazzy Girlanden krönt. Das melancholische Gegengift zum bösen Simba gibt es dann auf der B-Seite mit dem traurigen Simba. Die Band steckt voll mit Könnern: Lew Soloff (tp), Cecil Bridgewater (flgh), Eddie Daniels (fl, bs), Steve Gadd (dr) und tatsächlich auch Tony Levin (b).

O’Donel Levy: Bad Bad Simba
Quelle: youtube