Die Nachtigall singt nicht mehr

papa wemba

 

Es ist ein grausiges Jahr für die Popmusik.

Nach Prince hat es nun einen der Größten der afrikanischen Musik getroffen: Mit 66 starb während eines Auftritts in Abidjan der kongolesische Sänger Papa Wemba an Herzversagen.

Wenige Falsettstimmen vom schwarzen Kontinent  – von denen es dort ja einige gibt! – haben mich so berührt wie seine, nicht umsonst nannte man ihn die „Nachtigall“. Aktiv mitbekommen habe ich seine Karriere erst ab den 1990ern, da war er schon lange ein Star von Kinshasa bis Paris. Als Sänger der Gruppe Zaiko Langa Langa konnte man ihn bereits 1974 beim Begleitprogramm zum legendären Boxkampf zwischen Muhammad Ali und George Foreman auf der Bühne sehen. Mit Zaiko und später mit Viva La Musica hat er die kongolesische Rumba revolutioniert, sie mit Rock versehen und ihr mehr Tempo verpasst, war so maßgeblich an der Herausbildung des Soukouss beteiligt. Gleichzeitig wurde er zum Doyen der SAPE-Bewegung, jener afrikanischen Dandys, die sich mit feinstem Zwirn kleiden, als Protest gegen die ehemaligen Kolonisatoren zeigen, dass auch sie sich mit westlichen Mode-Attributen zu schmücken wissen. Doch Papa Wemba wirft sich genauso mit der Kriegerkleidung seines Volkes Tetela in Schale.

Sein Weg nach Europa beginnt in den Achtzigern, und er führt über den Weltmusikproduzenten Martin Meissonnier zu RealWorld-Chef Peter Gabriel. Die Alben auf dem Label aus Bath werden zu Meilensteinen der frühen Weltmusik, besonders die Scheibe Emotion, wo der charismatische Crooner Songs seines aufstrebenden Kollegen Lokua Kanza genauso vorstellt wie ein Cover seines Idols Otis Redding. Den Opener der CD „Yolele“ habe ich hier nochmals ausgesucht.

In den Folgejahren bleibt es turbulent bei Papa Wemba: Er veröffentlicht Werke, auf denen er Rap, Salsa und Funk in seine Musik einfließen lässt. Und bekommt Ärger mit dem Gesetz, da er Menschen als Backgroundsänger außer Landes schmuggelt und daran verdient. Nachdem er die Zeit im Gefängnis überstanden hat, erfindet er sich mit einer neuen Generation von Landsleuten noch einmal neu, im Ndombolo-Sound, dem Dernier Cri des Soukouss-Universums. Seit gestern ist nicht nur der Kongo um ein schillernde Musikerpersönlichkeit ärmer.

© Stefan Franzen

Papa Wemba: „Yolele“
Quelle: youtube

 

Übers Wasser gehen

the gloaming

The Gloaming: The Gloaming (RealWorld/Indigo)
Allein schon das Cover hätte einen Preis verdient.  Das Bild heißt „Passage“ und stammt von Robert und Shana ParkeHarrison. Die Passage, die hier musikalisch „geklopft“ wird, führt vom archaischen zum modernen Irland. Der gälische Sänger Iarla Ó Lionáird steht mit seiner herzblutenden Stimme im Mittelpunkt dieser entschleunigten Musik, Lichtjahre von wurzeligem Irish Folk entfernt. Stattdessen rückt das US-irische Kollektiv die alten Tunes in ein meditatives Licht, fast zen-artig entschlackt, mit irischer Fiddle, norwegischer Hardingfele, Gitarre und Piano. Das ist auf eine Art schon fast futuristisch.

The Gloaming: Samradh Samradh (live in Cork)
Quelle: youtube

Walisisches Wunderwerk

9bach - tincian9bach: Tincian (RealWorld/Indigo)
Von Peter Gabriels RealWorld Studios liegt Wales überhaupt nicht weit entfernt. Trotzdem haben sich seine Talentscouter selten (oder nie?) dahin gewagt. Bis jetzt. Lange habe ich nach einem Begriff für die Musik von Lisa Jen und Martin Hoyland alias 9bach gesucht, „Industrial-Kammerpop“ ist es dann geworden. Sangliche Piano- und Fender Rhodes-Riffs, metallene Harfenschnipsel, geheimnisvoll bluesige Akustik- und sperrige Stromgitarren, ein pathetisch summender Männerchor. Der Albumtitel bedeutet „Nachhall“ – und den werden diese Tracks bei mir noch lange haben.

9bach: „Pa Le?“ (live at Ochor Un)
Quelle: youtube