Ohne strenges Korsett

Foto: Augusto Brázio

Seit der Jahrtausendwende hat Cristina Branco, die Sängerin aus dem portugiesischen Ribatejo, die Öffnung des Fado vorangetrieben. Selten hat sie sich mit der reinen Fado-Lehre zufriedengegeben, hat ihn mit Tango und brasilianischen Tönen vermählt, auch mal einen Joni Mitchell-Song eingeflochten. In jüngerer Zeit waren der desolate Zustand Portugals nach der Euro-Krise oder die weibliche Selbstermächtigung mit einer Widmung an Frauen aller Generationen ihre Themen. Dafür hat sie sich Schreiberinnen und Schreiber der jungen Generation ins Boot geholt, die ihre Ideen musikalisch und textlich umsetzten, oftmals auch Querdenkende aus den ehemaligen afrikanischen Kolonien Portugals. Sie zeichnete so eine neue Zukunft Portugals.

Eine kleine stilistische Kehrtwende gibt es auf dem aktuellen Album Mãe (Mutter): „Die Wahrheit ist, dass ich noch nie so tief in den traditionellen Fado eingetaucht bin wie hier“, gibt sie zu. Die Vertonungen der Lyrik, die vom Dichter Fernando Pessoa bis hin zu jungen Kolleginnen reicht, klingen  mit ihren vertrauten Quartettmusikern tatsächlich etwas weniger gewagt, aber immer noch mehr nach freier Liedgestaltung als strengem Fado-Korsett. Eigentlicher Star ist weiterhin ihre Stimme, die sich reif, souverän, nuancenreich und berührend ausspielen kann.

© Stefan Franzen
live:  Tollhaus Karlsruhe, 25.01. – Jazzhaus Freiburg, 27.01.

Cristina Branco: „Senhora Do Mar Redondo“
Quelle: youtube