Türen statt Traumata

Foto: Stefan Franzen

Der ägyptische Sänger Abdullah Miniawy schlägt mit seinem Trio eine Brücke zwischen sakraler Sphäre, Avantgarde und Jazzimprovisation. Zu entdecken ist er als Auftakt zum fünfjährigen Jubiläum der Reihe Listen! in der Kaserne Basel.

“Musik kann ein Mittel der Verkündigung sein. Sie dient nicht nur dem Vergnügen.” Was er da sagt, glaubt man Abdullah Miniawy sofort, sobald man ihn auf der Bühne erlebt. Verzückt schaut er nach oben, schließt die Augen zu einem schmerzlichen Ausdruck, macht eine beschwörende Geste, legt die Hände auf sein Herz, reckt sie nach oben wie zu einem Gebet. Sein Gesang umschließt ruhige Rezitation, ein fast fauchend ausgestoßenes Flehen, nasale Melismen in hohen Lagen, triumphales Falsett. Es ist ein Konzerterlebnis, das ihn selbst auch physisch fordert und niemanden unberührt lässt. Miniawy erinnert sich: „Nach einem Auftritt kam einmal eine Frau zu mir und sagte; ‚Du solltest zu einem Therapeuten gehen – das wird deiner Kunst helfen.‘ Sie hörte so viel Schmerz in meiner Stimme, dass sie annahm, ich hätte etwas sehr Schlimmes durchgemacht. Aber darum ging es überhaupt nicht. Bei dem, was ich tue, geht es nicht um Traumata. Es geht um das Kanalisieren, darum, diese Tür zu öffnen und etwas hereinzulassen.“

Die Musik trat während des „arabischen Frühlings“ in sein Leben. Auf dem Tahrir-Platz in Kairo wandte er sich mit einer Mischung aus Rap und Slam Poetry gegen Staat und Kirche, wurde zu einem der Stars der protestierenden Jugend. „Die Revolution hat mir gezeigt, wie mächtig Worte sein können. Ich habe ich das Gefühl, dass mir diese Gabe zuteilwurde, und sie treibt mich immer noch an“, sagte er dem Portal Struma+Iodine. Seinen Vokalstil entwickelte er völlig frei, statt einer Gesangsausbildung war es die Mutter, die ihn mit ihren spontanen Improvisationen anregte. Vom Vater dagegen kam die strenge Disziplin, die er als Workaholic in seiner musikalischen Arbeit umsetzt.

Die Ausrichtung seiner Live-Shows ändert sich von Programm zu Programm grundlegend. Miniawy entwirft Musik fürs Theater, für Tanz-Projekte und Ausstellungen, und er arbeitet seine eigene Prosa mittlerweile auch zu Kurzgeschichten aus. In Basel eröffnet er die seit fünf Jahren etablierte Reihe „Listen!“ der Kaserne, die experimentelle, elektronische und avantgardistische Klangkunst kuratiert. Der aktuellen Bühnenshow liegt die CD „Peacock Dreams“ zugrunde, die eine ungewöhnliche Besetzung mit zwei Posaunen (Jules Regard und Jules Boittin) in den Fokus rückt. Er rekurriert dabei auf die Musik des Barock und die der koptischen Christen, schaffte eine geradezu sakrale Atmosphäre. „Ich liebe Kirchenmusik und viele Komponisten, die sich mit dem zeitgenössischen ‚Kirchenklang‘ beschäftigen wie Arvo Pärt. Aber ich höre mir auch den Koran an oder Sufi-Musik aus Ägypten. Und dann gehe ich wieder in eine totale Rap-Phase über.“ All das findet sich in der Musik seines Trios zu einem genauso spirituellen wie expressiven Klangraum verdichtet. Und selbst wenn man seine arabische Poesie überhaupt nicht versteht, lassen sich die Inhalte anhand seiner Mimik und Gestik lebendig nachvollziehen.

© Stefan Franzen, dieser Artikel erschien erstmalig auf badische-zeitung.de

Konzert: Kaserne Basel, 24.9., 21h.
Weitere Termine der Reihe Listen!: kaserne-basel/de/listen!

 

Popklassisches Tête-à-tête II

Noch ein Jahrestag, bei dem sich eine Verbindung von Pop und Klassik feiern lässt:
Estlands stiller Gigant wird heute 80.

Aus diesem Anlass ein kleines sympathisches Interview, das Björk 1997 anlässlich einer BBC-Dokumentation mit ihm geführt hat.  Die Liaison zwischen der Islanderin und dem Esten hat inzwischen weitere Früchte getragen: Pärts Sohn Michael hat auf dem aktuellen Album Vulnicura den Supervisor für die Streicheraufnahmen gespielt.

Björk interviewt Arvo Pärt
Quelle: youtube

Wundpflege vor Zehntausend

bjoerk - vulicura 2

Björk
Zitadelle Berlin-Spandau
02.08.2015

Wieviel Privatheit lässt sich auf der Popbühne inszenieren? Kann große Kunst gerade dann entstehen, wenn sich das Intimste mit dem Plakativsten paart? Wenn das zerbrochene Herz nicht vor der besten Freundin, sondern vor Zehntausend ausgeschüttet wird?  Das erste und letzte Mal, dass ich Björk auf einer Bühne erlebte, war am 11.9.2001. Ein Tag des denkbar größten öffentlichen Schmerzes, der durch das eher feinsinnige damalige Album „Vespertine“ konterkariert wurde, mit Harfen, Streichern und einem Inuit-Chor.

14 Jahre später ist Björks Schmerz ganz ihr eigener, doch sie teilt ihn mit. Nach dem Beziehungsende mit Medienkünstler Matthew Barney hat sie ein Trennungstagebuch in Klänge gegossen. Ihr Album „Vulnicura“ (lat.: Wundpflege) ist ein Kreuzweg in neun Stationen – so minutiös und peinigend, dass es einem beim Hören an die Nieren geht. Kann also eine so intime Passionsgeschichte auf einer Großveranstaltung überhaupt funktionieren? Weiterlesen →