Heilige Töne an der Hase

Abdullah Miniawy Trio
Ganavya Trio & Marienkantorei Osnabrück

Morgenland-Festival Osnabrück, St. Marien
29.05.2026

Osnabrück ist die „Friedensstadt“ Deutschlands. Es will daher nicht so recht zusammenpassen, dass sich auf dem Theatervorplatz die Bundeswehr mit einer großen Anwerbeaktion samt schwerem Gerät präsentiert. Eine kleine Gruppe von vorrangig jungen Menschen hält demonstrierend dagegen, während sich über dem Geschehen dunkle Gewitterwolken zusammenbrauen. Dass die Stadt am Fluss Hase im Friedenskontext zitiert wird, liegt zunächst daran, dass sie Unterzeichnungsort war, als 1648 einer der Verträge des westfälischen Friedens besiegelt wurde. Heute hat die Bezeichnung noch eine andere Bedeutung: Als Schau- und Hörplatz des alljährlichen Morgenland-Festivals, das Michael Dreyer entwickelt hat. 2026 hat er den Staffelstab in der künstlerischen Leitung an Shabnam Parvaresh weitergegeben.

Die Klarinettistin, die einst zum Musikstudium nach Deutschland kam, hat nun in Osnabrück eine neue Heimat gefunden und ist dem Festival seit Langem verbunden. In ihrer Begrüßung zur Festivaleröffnung betont sie, dass der aus der Zeit gefallene Begriff „Morgenland“ für sie keine geographische Zuschreibung ist. Sondern eine Vision für eine neue Gesellschaft und Kultur, auf die gemeinsam hingearbeitet werden muss. „Es liegt nicht allein im Nahen Osten – es liegt vor uns. Es ist ein imaginiertes Morgen, ein Raum der Möglichkeiten. Es steht für das Kommende, das wir miteinander formen können.“ Wie wichtig der Beitrag eines solchen Festivals dazu ist, kann kaum überschätzt werden – auch und vor allem als Gegenentwurf zu einem Gesternland, zu dem die „Neue Rechte“ Deutschland wieder machen will.

Und erst recht nicht, da etliche andere deutsche Roots-Festivals ihre kulturelle Zukunftsvisionen von Diversität und stilistischem Weitblick über die Jahre geschmälert bis aufgegeben haben. Den Fokus richtet Parvanesh in ihrem ersten Jahr auf den Begriff „Diaspora“. Schon im starken, stimmigen und vor allem tief berührenden Auftaktkonzert zeigte sich, was möglich ist, wenn mit Bedacht und Herzblut ein Programm kuratiert wird.

Seine glühende Stimme schenkt der Ägypter Abdullah Miniawy dem Auditorium zum Einstieg. Und diese Stimme hat sich freigemacht von allen Orient-Klischees: In ihr wohnen noch die Melismen der arabischen Kunstmusik, aber auch die sakrale Musik aus der Alten Musik Europas klingen an. Mal ist er mit expressiven Rezitationen unterwegs, schraubt sich dann aber immer wieder zu schmerzlicher Intensität empor, mal kräftig nasal, mal in wispernder Verletzlichkeit. Flankiert wird Miniawy von zwei Posaunenmeistern der freien Improvisation, den Italienern Filippo Vignato und Andrea Andreoli. Die bieten ihm mal ein Bett aus choralartigen Liegetönen, dann wieder umspielen sie ihn staccatierend oder gehen ins  freie Geräuschhafte, auch die Obertonfarben eines Didgeridoo werden da nachgeahmt. Da wir in einer evangelisch-lutheranischen Kirche lauschen, kommt immer wieder die Assoziation zum Posaunenchor.

Zum Gesamtkunstwerk wird dieser Auftritt durch die Gestik und Mimik Miniawys: Nach eigenem Bekunden hat er sich kürzlich einer Tai- Ji-Gruppe angeschlossen, und fast scheint es, er habe die fließenden Bewegungen in seine Deklamatorik integriert. Zum Ende eine Botschaft: Sprecht Fremde an, interessiert euch für den Nachbarn, blickt von euren Smartphones auf. Er habe das für das Jahr 2026 zu seiner Lebensübung auserkoren.

Nach der Pause wird es „inklusiv“. Ganavya hat die Marienkantorei eingeladen, mit ihrem Trio die Bühne zu teilen, und der Chor legt sanfte Summtöne unter ihren schweifenden Vortrag, der von Harfen-Arpeggien und meist hellen Piano-Tropfen begleitet wird. Die Tamilin ist zwischen Südindien und NY mit Pilgerliedern und der Tradition des Harikathā aufgewachsen, einer Kunst des Storytellings in Tönen, hat ihr Spektrum aber bis in die Spiritual Jazz-Klassiker von Alice und John Coltrane geweitet, ist eng befreundet mit Shabaka Hutchings und Esperanza Spalding.

In epischen Stücken erzählt sie ihre Geschichten, wechselt dabei oft von delikatem Flüstern, das aber nie zerbrechlich wirkt, in scheinbar endlose Bögen auf- und abschwingender Melodieseligkeit, die das Herz wie ein Strom aus Liebe mitreißen. Ihre ernste, nach innen gewandte Gestik, ganz anders als die verzückte Extrovertiertheit von Miniawy, erzeugt den Eindruck, man lausche hier einem langen Gebet, einer intensiven Zwiesprache mit dem Höchsten. Dabei muss sie oft diskret ihre Stimme freihusten, ihr Timbre habe sich durch die Schwangerschaft stark verändert habe, sagt sie. Umso bewundernswerter die  souveräne Beherrschung ihrer sich manchmal über Minuten erstreckende Phrasierung.

alle Fotos © Stefan Franzen

Man kann gar nicht anders als ergriffen sein von diesem Set, das in der Atmosphäre einer Art überkonfessioneller Kommunion sein Finale findet: Zunächst stützt sie der Chor mit dem Refrain des „Nine Jeweled Prayer“, eine heilige Hindu-Litanei an die Göttin Lalitha. Und am Ende dann wird das ganze Kirchenschiff wird zum Klangraum, als Ganavya die Hörenden auffordert, in einen Vers einzustimmen, der noch lange nach diesem berührenden Erlebnis nachklingt: „There is so much beauty and comfort in being in love and just being.“ Das Morgenland-Festival läuft an verschiedenen Spielorten Osnabrücks noch bis zum 6.6.

© Stefan Franzen

MORGENLAND FESTIVAL OSNABRUECK
Abdullah Miniawy
TOUR | ganavya