Aus mir braust finstre Tanzmusik

„Aus mir braust finstre Tanzmusik“ – Else Lasker-Schüler vertont
SRF 2 Passage – 19.06.2026, 20-21h
von Stefan Franzen

Mit etwa 2.500 Vertonungen wurde Else Lasker-Schüler so oft in Töne gekleidet wie keine andere deutschsprachige Dichterin. Welche Faszination geht von dieser Lyrik für Musikerinnen und Musiker aus? Eine Spurensuche in Wuppertal, Dresden und der Schweiz.

Ihre Poesie selbst ist schon Musik, Gedicht-Titel wie „Ouvertüre“, „Fortissimo“ und natürlich das berühmte „blaue Klavier“ künden davon. André Previn, Erich Walter Sternberg und der zeitgenössische Schweizer Tonschöpfer David Philipp Hefti fanden ganz unterschiedliche Ansätze für Vertonungen. Aber auch der Pianist und Komponist Ulrich Klan aus Lakser-Schülers Heimat Wuppertal oder die Songwriterin Christa Abels beschäftigen sich mit den Versen der „expressionistischen Poetin“. 80 Jahre nach ihrem Tod in Jerusalem ist Else Lasker-Schüler zeitlos – als Vorreiterin für die Aufläsung von Rollenbildern, als Friedensbotschafterin und nicht zuletzt als eine frühe Performance-Künstlerin.

Nach der fünfteiligen SWR Musikstunde über das Leben der Dichterin im März richte ich nun für den Schweizer Rundfunk den Fokus auf die verschiedene Ansätze, ihre Lyrik zu vertonen. Auch für Nicht-Schweizerinnen und -Schweizer ist die Sendung nach der Ausstrahlung online nachzuhören.

«Aus mir braust finstre Tanzmusik». Else Lasker-Schüler vertont

Zum Tod von Uli Lemke

Mit großer Bestürzung und in tiefer Trauer muss ich den Tod meines langjährigen  journalistischen Kollegen Uli Lemke vermelden. Uli ist  am Montag, 1. Juni, wenige Tage vor seinem 75. Geburtstag verstorben. Drei Jahrzehnte lang hat Uli wesentlich zum Werden und Gelingen der Zeitschrift Jazz thing / blue rhythm beigetragen und das durchweg kollegiale und menschliche Arbeitsklima in der Redaktion entscheidend mitgeprägt. Uli, vor 30 Jahren schon einer der profundesten Kenner der Blues- und Roots-Szene in all ihren Facetten und zuvor Chefredakteur der Blues News, trat sehr früh, 1995, in die Jazz-thing-Historie ein, als er auf einer gemeinsamen Grand-Canyon-Wanderung mit Jazz-thing-Chefredakteur Axel Stinshoff die Idee einer Tochterzeitschrift entwickelte. Ab der Heftausgabe 11 wurde das Magazin Blue Rhythm unter seiner Regie zum regelmäßigen Begleiter von Jazz thing. Blue Rhythm widmete sich den Geschehnissen in der Worldmusic, die damals in Deutschland durch die Decke ging, und bildete parallel dazu alle Aktualitäten im Blues, Soul und Country ab.

Uli verstand es in enger Abstimmung mit Stinshoff und einem großen Netzwerk aus freien Autor:innen, diese Vielfalt an Themen zu bündeln, ein Netzwerk von in ganz Deutschland verteilten Schreiber:innen zu koordinieren und so drei Mal im Jahr eine abwechslungsreiche, spannende Zeitschrift zu gestalten. Blue Rhythm wurde unter seiner Führung zum einzigen ausschließlich dieser Nische verpflichteten Musikmagazin im deutschsprachigen Raum. Er selbst trug als Autor mit vielen Stories, Interviews und Plattenkritiken dazu bei, etwa über Taj Mahal, John Lee Hooker oder Irma Thomas. Sein präziser, von immensem Hintergrundwissen und trockenem, auch mal augenzwinkernd-bissigem Esprit geprägter Stil war sein Alleinstellungsmerkmal.

Sehr gut erinnere ich mich an unseren Erstkontakt: Ich meldete mich als junger Musikwissenschaftler und angehender Weltmusik-Schreiber 1997 telefonisch bei Uli, um ihm ein Interview mit der finnischen Band Värttinä anzubieten. Sofort stimmte die Chemie, und dank ihm begann für mich eine journalistische Arbeit bei Blue Rhythm und Jazz thing, die bis heute anhält. Ebenso gut erinnere ich mich an seine erste Korrektur meines Textes: Er lachte herzlich darüber, dass ich aus den „Frontfrauen“, den Värttinä-Sängerinnen der vordersten Reihe, vertippend „Fronfrauen“ gemacht hatte. Als die Blue-Rhythm-Themen 2009 schließlich in der Mutterzeitschrift Jazz thing aufgingen, war Ulis formende Kraft weiterhin über Jahre gefragt. Nach seinem Ausstieg aus der Redaktion blieb er trotz eingeschränkter Gesundheit der Redaktion von Jazz thing als Rezensent erhalten.

Musikalisch war Uli immer breitspurig unterwegs. Seine Liebe galt der Roots-Music und dem Blues, von Ry Cooder bis zu Rokia Traoré, von Tom Waits bis zu Lhasa de Sela. Er begeisterte sich für Grenzgebiete zwischen Jazz und freien Formen. Wenige wussten, dass sein Herz auch für die Klassik schlug: Mit ihm konnte ich in detaillierte Diskussionen über die Interpretationen von Gustav-Mahler-Symphonien einsteigen (sein Lieblingsdirigent: Klaus Tennstedt). Und immer wieder debattierten wir auch marginal über Fußball, wobei er sich als Dortmunder, der lange Zeit in der Nähe des BVB-Stadions wohnte, köstlich über die neuesten badischen Bonmots des SC-Freiburg-Trainers Christian Streich amüsierte.

Mit Uli verlieren wir einen wunderbaren Kollegen und Freund, der für die Nischen-Musik und jede noch so außergewöhnliche Entdeckung brannte und der es immer wieder verstand, uns mit seiner Begeisterung anzustecken. Mehr als 30 Jahre hat er unserem Teamwork ein angenehm menschliches Klima verliehen und prägte unzählige Arbeitstelefonate und persönliche Gespräche mit seinem ihm ganz eigenen Humor. Wir erlebten Uli oftmals herzlich und bescheiden, der seine eigenen Belange und die Krankheit der letzten Jahre nie ins Zentrum stellen wollte.

Axel Stinshoff: „Seine westfälisch-trockene Art und große persönliche Bescheidenheit sollten nicht darüber hinwegtäuschen“, schreibt Axel Stinshoff, „dass Uli der wahrscheinlich profundeste Kenner und leidenschaftlichste Fan amerikanischer Roots-Musik, vor allem des Blues in all seinen Schattierungen und Epochen, war, den ich je erlebt habe. Diese seine tiefgehende musikalische Kompetenz, sein geschmackssicheres Urteil und das darüber hinaus stets weit geöffnete Visier für originäre, originelle und progressive Musik aus aller Welt führten vor 30 Jahren zur gemeinsamen Gründung von Blue Rhythm – bis heute in wechselnder Gestalt essenzieller Bestandteil von Jazz thing. Ulis musikästhetische Feinsinnigkeit entsprach dem trocken-ironischen Feinsinn seines vorzüglichen Humors. Beides wird uns sehr schmerzlich fehlen. Wir trauern um Dich, verneigen uns vor und bedanken uns bei Dir, lieber Uli.“

Heilige Töne an der Hase

Abdullah Miniawy Trio
Ganavya Trio & Marienkantorei Osnabrück

Morgenland-Festival Osnabrück, St. Marien
29.05.2026

Osnabrück ist die „Friedensstadt“ Deutschlands. Es will daher nicht so recht zusammenpassen, dass sich auf dem Theatervorplatz die Bundeswehr mit einer großen Anwerbeaktion samt schwerem Gerät präsentiert. Eine kleine Gruppe von vorrangig jungen Menschen hält demonstrierend dagegen, während sich über dem Geschehen dunkle Gewitterwolken zusammenbrauen. Dass die Stadt am Fluss Hase im Friedenskontext zitiert wird, liegt zunächst daran, dass sie Unterzeichnungsort war, als 1648 einer der Verträge des westfälischen Friedens besiegelt wurde. Heute hat die Bezeichnung noch eine andere Bedeutung: Als Schau- und Hörplatz des alljährlichen Morgenland-Festivals, das Michael Dreyer entwickelt hat. 2026 hat er den Staffelstab in der künstlerischen Leitung an Shabnam Parvaresh weitergegeben.

Die Klarinettistin, die einst zum Musikstudium nach Deutschland kam, hat nun in Osnabrück eine neue Heimat gefunden und ist dem Festival seit Langem verbunden. In ihrer Begrüßung zur Festivaleröffnung betont sie, dass der aus der Zeit gefallene Begriff „Morgenland“ für sie keine geographische Zuschreibung ist. Sondern eine Vision für eine neue Gesellschaft und Kultur, auf die gemeinsam hingearbeitet werden muss. „Es liegt nicht allein im Nahen Osten – es liegt vor uns. Es ist ein imaginiertes Morgen, ein Raum der Möglichkeiten. Es steht für das Kommende, das wir miteinander formen können.“ Wie wichtig der Beitrag eines solchen Festivals dazu ist, kann kaum überschätzt werden – auch und vor allem als Gegenentwurf zu einem Gesternland, zu dem die „Neue Rechte“ Deutschland wieder machen will.

Und erst recht nicht, da etliche andere deutsche Roots-Festivals ihre kulturelle Zukunftsvisionen von Diversität und stilistischem Weitblick über die Jahre geschmälert bis aufgegeben haben. Den Fokus richtet Parvanesh in ihrem ersten Jahr auf den Begriff „Diaspora“. Schon im starken, stimmigen und vor allem tief berührenden Auftaktkonzert zeigte sich, was möglich ist, wenn mit Bedacht und Herzblut ein Programm kuratiert wird.

Seine glühende Stimme schenkt der Ägypter Abdullah Miniawy dem Auditorium zum Einstieg. Und diese Stimme hat sich freigemacht von allen Orient-Klischees: In ihr wohnen noch die Melismen der arabischen Kunstmusik, aber auch die sakrale Musik aus der Alten Musik Europas klingen an. Mal ist er mit expressiven Rezitationen unterwegs, schraubt sich dann aber immer wieder zu schmerzlicher Intensität empor, mal kräftig nasal, mal in wispernder Verletzlichkeit. Flankiert wird Miniawy von zwei Posaunenmeistern der freien Improvisation, den Italienern Filippo Vignato und Andrea Andreoli. Die bieten ihm mal ein Bett aus choralartigen Liegetönen, dann wieder umspielen sie ihn staccatierend oder gehen ins  freie Geräuschhafte, auch die Obertonfarben eines Didgeridoo werden da nachgeahmt. Da wir in einer evangelisch-lutheranischen Kirche lauschen, kommt immer wieder die Assoziation zum Posaunenchor.

Zum Gesamtkunstwerk wird dieser Auftritt durch die Gestik und Mimik Miniawys: Nach eigenem Bekunden hat er sich kürzlich einer Tai- Ji-Gruppe angeschlossen, und fast scheint es, er habe die fließenden Bewegungen in seine Deklamatorik integriert. Zum Ende eine Botschaft: Sprecht Fremde an, interessiert euch für den Nachbarn, blickt von euren Smartphones auf. Er habe das für das Jahr 2026 zu seiner Lebensübung auserkoren.

Nach der Pause wird es „inklusiv“. Ganavya hat die Marienkantorei eingeladen, mit ihrem Trio die Bühne zu teilen, und der Chor legt sanfte Summtöne unter ihren schweifenden Vortrag, der von Harfen-Arpeggien und meist hellen Piano-Tropfen begleitet wird. Die Tamilin ist zwischen Südindien und NY mit Pilgerliedern und der Tradition des Harikathā aufgewachsen, einer Kunst des Storytellings in Tönen, hat ihr Spektrum aber bis in die Spiritual Jazz-Klassiker von Alice und John Coltrane geweitet, ist eng befreundet mit Shabaka Hutchings und Esperanza Spalding.

In epischen Stücken erzählt sie ihre Geschichten, wechselt dabei oft von delikatem Flüstern, das aber nie zerbrechlich wirkt, in scheinbar endlose Bögen auf- und abschwingender Melodieseligkeit, die das Herz wie ein Strom aus Liebe mitreißen. Ihre ernste, nach innen gewandte Gestik, ganz anders als die verzückte Extrovertiertheit von Miniawy, erzeugt den Eindruck, man lausche hier einem langen Gebet, einer intensiven Zwiesprache mit dem Höchsten. Dabei muss sie oft diskret ihre Stimme freihusten, ihr Timbre habe sich durch die Schwangerschaft stark verändert habe, sagt sie. Umso bewundernswerter die  souveräne Beherrschung ihrer sich manchmal über Minuten erstreckende Phrasierung.

alle Fotos © Stefan Franzen

Man kann gar nicht anders als ergriffen sein von diesem Set, das in der Atmosphäre einer Art überkonfessioneller Kommunion sein Finale findet: Zunächst stützt sie der Chor mit dem Refrain des „Nine Jeweled Prayer“, eine heilige Hindu-Litanei an die Göttin Lalitha. Und am Ende dann wird das ganze Kirchenschiff wird zum Klangraum, als Ganavya die Hörenden auffordert, in einen Vers einzustimmen, der noch lange nach diesem berührenden Erlebnis nachklingt: „There is so much beauty and comfort in being in love and just being.“ Das Morgenland-Festival läuft an verschiedenen Spielorten Osnabrücks noch bis zum 6.6.

© Stefan Franzen

MORGENLAND FESTIVAL OSNABRUECK
Abdullah Miniawy
TOUR | ganavya