Zum Tod von Uli Lemke

Mit großer Bestürzung und in tiefer Trauer muss ich den Tod meines langjährigen  journalistischen Kollegen Uli Lemke vermelden. Uli ist  am Montag, 1. Juni, wenige Tage vor seinem 75. Geburtstag verstorben. Drei Jahrzehnte lang hat Uli wesentlich zum Werden und Gelingen der Zeitschrift Jazz thing / blue rhythm beigetragen und das durchweg kollegiale und menschliche Arbeitsklima in der Redaktion entscheidend mitgeprägt. Uli, vor 30 Jahren schon einer der profundesten Kenner der Blues- und Roots-Szene in all ihren Facetten und zuvor Chefredakteur der Blues News, trat sehr früh, 1995, in die Jazz-thing-Historie ein, als er auf einer gemeinsamen Grand-Canyon-Wanderung mit Jazz-thing-Chefredakteur Axel Stinshoff die Idee einer Tochterzeitschrift entwickelte. Ab der Heftausgabe 11 wurde das Magazin Blue Rhythm unter seiner Regie zum regelmäßigen Begleiter von Jazz thing. Blue Rhythm widmete sich den Geschehnissen in der Worldmusic, die damals in Deutschland durch die Decke ging, und bildete parallel dazu alle Aktualitäten im Blues, Soul und Country ab.

Uli verstand es in enger Abstimmung mit Stinshoff und einem großen Netzwerk aus freien Autor:innen, diese Vielfalt an Themen zu bündeln, ein Netzwerk von in ganz Deutschland verteilten Schreiber:innen zu koordinieren und so drei Mal im Jahr eine abwechslungsreiche, spannende Zeitschrift zu gestalten. Blue Rhythm wurde unter seiner Führung zum einzigen ausschließlich dieser Nische verpflichteten Musikmagazin im deutschsprachigen Raum. Er selbst trug als Autor mit vielen Stories, Interviews und Plattenkritiken dazu bei, etwa über Taj Mahal, John Lee Hooker oder Irma Thomas. Sein präziser, von immensem Hintergrundwissen und trockenem, auch mal augenzwinkernd-bissigem Esprit geprägter Stil war sein Alleinstellungsmerkmal.

Sehr gut erinnere ich mich an unseren Erstkontakt: Ich meldete mich als junger Musikwissenschaftler und angehender Weltmusik-Schreiber 1997 telefonisch bei Uli, um ihm ein Interview mit der finnischen Band Värttinä anzubieten. Sofort stimmte die Chemie, und dank ihm begann für mich eine journalistische Arbeit bei Blue Rhythm und Jazz thing, die bis heute anhält. Ebenso gut erinnere ich mich an seine erste Korrektur meines Textes: Er lachte herzlich darüber, dass ich aus den „Frontfrauen“, den Värttinä-Sängerinnen der vordersten Reihe, vertippend „Fronfrauen“ gemacht hatte. Als die Blue-Rhythm-Themen 2009 schließlich in der Mutterzeitschrift Jazz thing aufgingen, war Ulis formende Kraft weiterhin über Jahre gefragt. Nach seinem Ausstieg aus der Redaktion blieb er trotz eingeschränkter Gesundheit der Redaktion von Jazz thing als Rezensent erhalten.

Musikalisch war Uli immer breitspurig unterwegs. Seine Liebe galt der Roots-Music und dem Blues, von Ry Cooder bis zu Rokia Traoré, von Tom Waits bis zu Lhasa de Sela. Er begeisterte sich für Grenzgebiete zwischen Jazz und freien Formen. Wenige wussten, dass sein Herz auch für die Klassik schlug: Mit ihm konnte ich in detaillierte Diskussionen über die Interpretationen von Gustav-Mahler-Symphonien einsteigen (sein Lieblingsdirigent: Klaus Tennstedt). Und immer wieder debattierten wir auch marginal über Fußball, wobei er sich als Dortmunder, der lange Zeit in der Nähe des BVB-Stadions wohnte, köstlich über die neuesten badischen Bonmots des SC-Freiburg-Trainers Christian Streich amüsierte.

Mit Uli verlieren wir einen wunderbaren Kollegen und Freund, der für die Nischen-Musik und jede noch so außergewöhnliche Entdeckung brannte und der es immer wieder verstand, uns mit seiner Begeisterung anzustecken. Mehr als 30 Jahre hat er unserem Teamwork ein angenehm menschliches Klima verliehen und prägte unzählige Arbeitstelefonate und persönliche Gespräche mit seinem ihm ganz eigenen Humor. Wir erlebten Uli oftmals herzlich und bescheiden, der seine eigenen Belange und die Krankheit der letzten Jahre nie ins Zentrum stellen wollte.

Axel Stinshoff: „Seine westfälisch-trockene Art und große persönliche Bescheidenheit sollten nicht darüber hinwegtäuschen“, schreibt Axel Stinshoff, „dass Uli der wahrscheinlich profundeste Kenner und leidenschaftlichste Fan amerikanischer Roots-Musik, vor allem des Blues in all seinen Schattierungen und Epochen, war, den ich je erlebt habe. Diese seine tiefgehende musikalische Kompetenz, sein geschmackssicheres Urteil und das darüber hinaus stets weit geöffnete Visier für originäre, originelle und progressive Musik aus aller Welt führten vor 30 Jahren zur gemeinsamen Gründung von Blue Rhythm – bis heute in wechselnder Gestalt essenzieller Bestandteil von Jazz thing. Ulis musikästhetische Feinsinnigkeit entsprach dem trocken-ironischen Feinsinn seines vorzüglichen Humors. Beides wird uns sehr schmerzlich fehlen. Wir trauern um Dich, verneigen uns vor und bedanken uns bei Dir, lieber Uli.“

Die DNA einer Nation

american jazz heroes II

 

Die Vereinigten Staaten sind mit ihrer ureigensten Sound-DNA, dem Jazz, oft nachlässig umgegangen. Signifikant, dass ein Ausländer dem Erbgut ein Denkmal setzt: Der deutsche Fotograf Arne Reimer veröffentlicht im Verlag der Zeitschrift Jazz thing nun bereits den zweiten Band der „American Jazz Heroes“. Indem er die klassische Interviewsituation aushebelt, findet er zu den 50 porträtierten Musikern einen tiefenscharfen Zugang, festgehalten in einer Fülle respektvoller, ungeschönter, manchmal fast magisch über den Moment hinausweisender Fotos.

Etwa in einem Porträt des 95-jährigen Sänger Jon Hendricks – in diesen dunklen Augen, die da über den Hudson River schweifen, scheint die Erinnerung an fast ein ganzes Jahrhundert voller Musik zu funkele. Viele der Altstars und ungesungenen Helden besucht Reimer zuhause, streift mit ihnen um den Block, lässt sich Anekdoten statt Chronologie erzählen. Entstanden ist so ein höchst intimer Bildband, der keine musikgeschichtlichen Betrachtungen liefert, sondern menschennahe, herzenswarme, auch schrullige Begegnungen. Und der auf diese Weise am Ende doch rhapsodisch amerikanische Jazzhistorie zusammenfügt.

Flötist Hubert Laws entrollt seine Karriere zwischen häuslicher Jamsession und Baseball-Gucken, in seinem schlossartigen Anwesen offenbart Gunter Schuller, er habe das Sessionfinale zu Miles Davis‘ „Birth Of The Cool“ in seiner Doppelfunktion als Waldhornist und Dirigent gerettet. Und von Sonny Rollins erfährt der Leser, warum er sich einst einen Irokesenschnitt verpasste, und dass er leidenschaftlicher Abonnent des Mad-Magazins ist. Von den unerwarteten Augenblicken lebt Reimers Buch: Weil Ornette Coleman Glühbirnen kaufen geht, bleibt der Fotograf allein in der Wohnung zurück. Als er ihn Jahre später ein letztes Mal trifft, erkennt ihn die Saxlegende ob ihrer Demenz nicht mehr. So durchzieht den Band auch immer die Melancholie der Vergänglichkeit:

Einige der porträtierten Musiker sind noch vor Buchveröffentlichung gestorben, ein paar andere verbringen ihren Lebensabend krank oder von der Öffentlichkeit vergessen in schäbigen Apartments. „Wenn ich mir meinen Kontostand angucke, fühle ich mich nicht wie eine Legende“, bekennt etwa Dizzy Gillespies Drummer Charlie Persip. Als sich Reimer vom Pianisten und Sänger Les McCann verabschiedet, der an den Rollstuhl gefesselt ist, bittet er ihn, die Tür offen zu lassen: „Was kann man hier schon stehlen? Das Wertvollste in dieser Wohnung bin ich.“ McCann formuliert vorausschauend für sich und seine Kollegen das, was einst auch der malische Schriftsteller Amadou Hampâté Bâ gesagt hat: „Stirbt ein Griot, so brennt eine ganze Bibliothek.“

© Stefan Franzen

Arner Reimer: American Jazz Heroes – Volume 2, Verlag Jazz thing