
Das Gustav-Mahler-Festival im österreichischen Steinbach feierte seinen zehnten Jahrgang. Mit der Dritten Symphonie im Zentrum werden Werk und Gedankengebäude des Komponisten erleb- und begehbar. Zum heutigen 166. Geburtstag von Mahler ein paar Eindrücke aus Mahlers Sommerfrische.
Machtvoll türmt sich die Wand des Höllengebirges in den milchig-blauen Himmel dieses Hitzetages. Ein Blick, der auch nach 130 Jahren noch unverändert ist. Wir lagern auf Decken unterm Fels und lauschen. Nein, nicht der Natur. Es sind Klänge, die aus einem Lautsprecher strömen. Musik, die 1896 genau hier erfunden wurde, und als sie gegen die steinernen Kolosse schallt, überwältigt sie heute wie damals. Aus einer unbeseelten, starren „Vorwelt“ von dräuenden Hörnern und Posaunen schläen sich spitze Trompeten-Fanfaren, krähende Holzbläser, schließlich ein brutal-triumphaler „Bacchus-Zug“. So hat Gustav Mahler sich das Erwachen des Naturgottes Pan vorgestellt. Eine Schöpfungsgeschichte in einem 35minütigen Satz, die sich in mehreren Anläufen und mehrfachem Zurückfallen in die „Ursuppe“ vollzieht. So lang wie eine eigene Symphonie, dabei ist es lediglich die Eröffnung seiner dritten. Ursprünglich betitelte er den Satz „Der Sommer marschiert ein“. Pünktlich zur Apotheose, zum Sieg des Sommers über das Unbelebte, rattert eine Mähmaschine an uns vorbei. Sie übertönt selbst Mahlers Marsch-Fortissimo.

Ja, akustisch hat sich Einiges verändert seit damals, der Fuhrpark an landwirtschaftlichen Maschinen ist im Dauereinsatz hier am österreichischen Attersee, doch die Felsen türmen sich heute wie damals. Auch wenn der Komponist gegenüber dem Dirigenten Bruno Walter, der ihn hier besuchte, mit einer Handbewegung zum Gebirge behauptete: „Das habe ich schon alles wegkomponiert.“ Von 1893 bis 96 erkor sich Lärm-Allergiker Mahler das kleine Salzkammergut-Dorf Steinbach aus. Mit Schwester Justine und – platonischer – Freundin Nathalie Bauer-Lechner logierte er im „Gasthof zum Höllengebirge“. Der ihm aber auch noch zu laut war, so dass er sich am Saum des Attersees sein berühmtes Komponierhäusl errichten ließ. Heute, nach Zweckentfremdung als Schlachthaus und Waschküche, ist dieses schlichte Refugium wieder hübsch hergerichtet als Pilgerstätte für alle Mahler-Jünger, inmitten von Wohnmobilen und Liegestühlen eines Campingplatzes. Den Gasthof gibt es auch noch, heute wird er von Georg Föttinger und Familie geführt und dient als behagliches Basislager für Musizierende und Besuchende des Gustav-Mahler-Festivals, das gerade sein zehntes Jubiläum feiert.

„Mahler hat immer gesagt, der See habe eine eigene Sprache, der See rede zu ihm. Bis hinauf, ins Gasthaus, da könne er ihn nicht hören, daher müsse er das Häuschen knapp am Ufer haben. Wenn er dem See zuhören kann, dann komponiert es sich leichter, und die Kompositionen fließen dann förmlich aus seinem Kopf.“
(Franz Lösch, Erbauer des Komponierhäusls)
Wer hierher kommt, ist Hardcore-Fan des böhmisch-österreichischen Tonschöpfers und offensichtlich eher der gesetzten Altersklasse zuzurechnen. Viele Briten und Amerikaner haben sich auf den Mahler-„Camino“ gemacht, aber auch Deutsche, Belgier, Italiener. Sie alle eint: Es reicht nicht, Mahlers Sinfonien und seine Lieder einfach nur zu hören. Sie wollen das Ideengebäude dahinter begreifen, die Weltdeutungs-Modelle. Möchten die spirituelle Suche nach den letzten Dingen nachvollziehen, der sich der Komponist wie kaum ein anderer seiner Zunftkollegen zeitlebens verpflichtet fühlte. „Ich bin seit 40 Jahren Physiker, aber wenn ich Mahler höre, werde ich von einer Wirkung überrollt, die ich nicht erklären kann“, bekennt ein Teilnehmer beim Einführungsvortrag.

So ein Mahler-Mekka braucht eine Leitfigur, eine charismatische Persönlichkeit, omnipräsent während der Tage in Steinbach. Morten Solvik begrüßt die Besucher mit herzlichem Handschlag. Der US-Norweger und Wahl-Wiener ist ein rühriger und jovialer Musikologe in seinen Sechzigern, dem man sein Alter nicht ansieht. Seit Jahrzehnten ist er der wohl wichtigste „Mahler-Erklärer“ unserer Epoche, Vorstandsmitglied der Internationalen Gustav Mahler Gesellschaft und Vizepräsident der Mahler Foundation. Das Festival am Attersee hat er mitbegründet und führt es als künstlerischer Leiter. Sein Verdienst: Er hat die Musikwissenschaft von den Trockenübungen der Hörsäle befreit, geht ins Feld, zu den Originalschauplätzen der Mahler-Vita, macht sein Werk erleb- ja, begehbar. Sein Credo: „Mahler ist für alle da!“ Und tatsächlich schafft er es, „Mahlers Universum“, so der Titel der diesjährigen Ausgabe, plastisch zu entfalten. Auch wenn er solche schwierigen Themen anpackt wie die Geistesverwandtschaft des Komponisten zu Schopenhauer und sein gespaltenes Verhältnis zu Nietzsche. Das Schopenhauer-Konzept des bloßen, unbedingten „Willens“ zum Leben, den der Künstler durch Streben nach der Erkenntnis eines tieferen Sinnes erhöhen kann, ist der rote Faden hinter den sechs Sätzen dieser gigantischen dritten Symphonie. Von der ihr Schöpfer sagte, eine unsichtbare Kraft habe ihm den Auftrag zum Schreiben erteilt.

Jedes Jahr setzt Solvik Gustav Mahler in ein neues Beziehungsgeflecht, die Kulturlandschaft bietet ihm eine Palette von historischen Themen dafür, denn auch Johannes Brahms und Gustav Klimt sommerfrischten hier ausnehmend gerne. Solvik, Föttinger und ihr Team binden diese Querbezüge, den Ort, die Region, ihre Menschen clever ein. In diesem Jahr, zum 130. Geburtstag der Dritten Symphonie gelingt das auf der Klangwanderung besonders schön. Musikpädagogin Angelika Dorfer bringt uns nach einer Einordnung Mahlers ins hiesige dörfliche Leben auf eine Wiese, dort übernimmt Sabine Pumberger vom Naturpark Attersee-Traunsee in Sennerinnen-Tracht mit einem eigens geschriebenen Blumengedicht, bevor dann der zweite Satz ertönt: „Was mir die Blumen auf der Wiese erzählen“ ist ein Menuett, allerdings keine putzige Blümchen-Musik, sondern es erzählt auch von der Furcht der Wiesengewächse vor dem Sturm. Und wie zum Beleg beugen die Blüten vor uns ihre Köpfe unter auffrischenden Windstößen.
Waldpädagogin Martina Huemer, die aussieht, wie man sich eine Waldpädagogin vorstellt, braungebrannt, mit wilder dunkler Mähne, übernimmt nun den Wanderstab. Ob sie über den einzigartigen Perlfisch im See schwärmt oder ihrer Besorgnis über die gegenwärtige Trockenheit Ausdruck verleiht: Sie tut das alles mit besonnener, in sich ruhender Stimme. Es geht in den dunklen Tann, über Wurzeln und spitze Steine, Amsel, Mönchsgrasmücke, Sommergoldhähnchen, Zaunkönig und Zilpzalp liefern die akustische Kulisse. „Was mir die Tiere im Wald erzählen“, der dritte Satz ist nun Thema. Ein groteskes Scherzo über den toten Kuckuck, der ohne Mitleid von der Nachtigall ersetzt wird, vom Fressen und Gefressen-Werden. Zwei Zeckenstiche werden der Kollateralschaden nach der akustischen Rast auf einem morschen Baumstumpf sein. Mahler, der sich als „Sänger der Natur“ sah, wusste um ihre unerbittlichen Gesetze jenseits aller romantischen Idylle. Doch mittendrin in dieser „pan-ischen“ Jagd ein langes, zu Herzen gehendes Horn-Solo: Der Postillon stoppt seine Kutsche am Friedhof, dort gedenkt er mit seiner Melodie dem toten Freund. Mahler leitet über in die Sphäre des Menschen: Während die Natur unbarmherzig ist, können wir Trauer empfinden – und Rücksicht auf die Schöpfung nehmen.

Die Posthorn-Melodie ertönt abends nochmals live, von der offenen Hintertür des Konzertsaals hinaus in die Seitengassen des Dorfes, gespielt von der Solistin des britischen Orchestra For The Earth. Es ist mit seinem jungen Dirigenten John Warner Stammgast in Steinbach. Ein erfrischendes Kammerensemble, das pionierhaft dem alten Bild vom elitären, ganz und gar nicht Ressourcen schonenden klassischen Musikbetrieb jugendliches Umweltbewusstsein entgegensetzt. Warner und seine Nachwuchsmusiker haben es sich auf die Fahnen geschrieben, alle Tourneen ohne Flugmeilen zu bewältigen. Was dieses Jahr dank maroder Deutscher Bahn für eine strapaziöse 17stündige Anreise sorgte. „Steinbach ist in all den Jahren eine Heimat für uns geworden“, sagt Warner im Gustav-Mahler-Saal, mehr rustikaler, geräumiger Dachstuhl als Konzerthalle. Mit hoher Körperspannung, regelrecht zackig dirigiert er seine eigenen Kammer-Arrangements von Mahler-Liedern und Symphoniesätzen. Vor dem Orchester erinnert seine Silhouette tatsächlich an die bekannten Scherenschnitt-Karikaturen von Mahler in Aktion. Wenn er die Partitur umblättert, zischt es wie ein Peitschenhieb. Bis beim „Abschied“, dem ins Ewige, in den Naturkreislauf entschwindenden Finalsatz aus dem „Lied von der Erde“, der Bariton Rory Greene zusammen mit dem Orchester einen zutiefst berührenden, wehmütigen Flow schafft.

Dass das Orchestra For The Earth seinen Besuch nicht auf das Konzert beschränkt, sondern am nächsten Tag mit Kindern der Volksschule von Steinbach auch an einer Pflanzaktion gestaltet, zeigt, wie ernst es den jungen Leuten mit ihrem Öko-Engagement ist. Sind diese Baumpflanzaktionen nur ein vergebliches „Aufbäumen“ gegen den unvermeidlichen Klimakollaps? Gerade sucht eine beispiellose Hitzewelle Europa heim, von der auch die alpine Region nicht verschont bleibt. Und der letzte Festivalabend, eine Komplettaufführung der Dritten mit dem Brucknerorchester Linz wird nach der Abreise des Autoren dieser Zeilen nur über die Bühne gehen können, weil eilends Klimageräte nach Steinbach geschafft werden, um den Konzertsaal im Laufe dreier Tage auf irgendwie erträgliche Temperaturen für Mensch und Instrument runterzubringen.
Die letzten Stationen der Wanderung sind erreicht, wir tauchen wieder ein in die „Zivilisation“. Im Gemeindezentrum von Steinbach hängt ein beeindruckendes Glas-Mosaik des Künstlers Christian Ludwig: Mahlers Konterfei wächst hier aus einer Flut von Andeutungen an seine symphonischen Themen heraus. Am beeindruckendsten: Dem Komponisten wachsen Äste aus dem Körper, die aber alle abgesägt, manche sogar blutig sind. „Das ist ein Sinnbild für die Kreativität, die ihm immer wieder durch die äußeren Umstände verwehrt wurde“, erläutert Regierungsrat Franz Kneißl, unser Guide für die letzten Stationen. Der vierte Satz ertönt, „Was mir der Mensch erzählt“. Mahler lässt hier die menschliche Stimme ins Geschehen eintreten, der Alt singt Verse aus „Zarathustras Nachtlied“ von Friedrich Nietzsche. Der Wettstreit von Leid und Lust um die Ewigkeit wird erst mit somnambulem Schwebeklang in Szene gesetzt, dann mit einem Thema aus waidwunden Streicher-Aufschwüngen, für das Mahler aus Wagners „Siegfried“ Inspiration empfing. Das aber – Mahler-Biograph Jens Malte Fischer weist darauf hin – eine fast schon unheimliche Ähnlichkeit mit Sebastián Yradiers weltberühmtem Hit „La Paloma“ haben, wenn man sich den Habanera-Rhythmus dazu denkt.

Dann führt man uns hinüber in die kühle Bergkirche von Steinbach. Neben dem Altar sprechen Kneißl und Solvik über die letzten beiden Sätze, mit denen Mahler in die himmlische Sphäre führt. „Was mir die Liebe erzählt“, heißt das Finale, im innigen Choralton gehalten. Zuerst hatte Mahler anstelle der Liebe das Wort „Gott“ gesetzt, doch sein überkonfessioneller, pantheistischer Geist siegte. Wichtiger als die Vorstellung eines dogmatischen Gottes, so Solvik, war ihm die Idee der Vergebung, des Mitgefühls, der Liebe in ihrer reinen Form. Wie sich diese Liebe über zwanzig Minuten immer klarer gegen die Verzweiflungsschübe durchsetzt, wie sich Gewissheit über Vergebung im massiven Schluss-Dur Bahn bricht, lässt nicht nur Morten Solvik aufseufzen, auch etliche Teilnehmer in den Bänken haben feuchte Augen. Diese endlose Quelle lässt sich nicht weg-, sie lässt sich immer nur neu komponieren.

Was bleibt von Gustav Mahlers Botschaft heute? Kann man seinen Geist in Steinbach erspüren? Wäre er heute ein Umweltbewegter? „Mahler wäre heute nicht der Mensch, der er damals war, alles andere ist Spekulation“, sagt eine Dame aus Böblingen während wir im Bus am See entlangfahren. Auf dem man während der Woche auch für knapp 100 Euro bei einer Bootsfahrt Backhendl und Marillenknödel mit Mahlers Antlitz vertilgen kann. Teil eines Event-Konzepts, das mit den Zeichen der Zeit geht und bei allen Festivals dieser Art im Aufgebot ist. Eine „Genuss-Beimischung“. Die aber nicht den hohen Anspruch übertünchte, Mahlers Ringen um Weltdeutung in vielen Konzerten, Vorträgen und Naturerlebnissen nahezubringen. Ein Ringen, das so faszinierend, da zeitlos ist. Das Streben nach metaphysischer Erkenntnis, aber auch nach Vergebung, Mitgefühl, Rücksicht auf die Umwelt, ja, und auch nach Stille: Fast ist es eine Binsenweisheit, dass diese Botschaft im lauten Weltgetriebe von 2026, dem permanenten Aufmerksamkeits-Erhaschen, dem Zeitalter „alternativer Fakten“, erlahmender Öko-Bewegung und der Entwicklung zu protofaschistischen Gesellschaften mehr gehört werden müsste. Nicht zuletzt, weil viele das in Mahlers Musik spüren, dürfte er eine so große Relevanz in unserer Ära haben.
Spätabends noch einmal unten am Komponierhäusl. Ein sanftes Schwappen der Wellen, im Rücken die mondbeschienene Felsenwand. Mähdrescher, Laubbläser und Heckenscheren schweigen, auch die Rückfahrwarner der Wohnmobile. Und wenn man Glück hat, und gerade kein röhrender Feuerstuhl an der Uferstraße entlangfegt oder draußen auf dem Wasser keine Technoparty auf einem Motorboot gefeiert wird, dann bekommt man eine Ahnung. Einen leisen Schauer davon, in welcher stillen Atmosphäre Mahler hier noch sein Weltgebäude aus Tönen errichten konnte, das jede empfindende Seele bis heute zum Schwingen bringt.
© Stefan Franzen

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Das nächste Festival befasst sich 2027 mit dem Thema „Mahler und Beethoven“ und findet vom 30. Juni bis zum 4. Juli 2027 statt.
Auf der Wanderung gehört wurde eine Live-Einspielung (2010) von Mahlers Dritter Sinfonie mit dem Royal Concertgebouw Orchestra unter Mariss Jansons, den Mezzo-Sopran singt Bernarda Fink.






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