
Foto: Stefan Franzen
Wenn sie Musik hört, sieht sie Farben: Dominique Fils-Aimé, eine der bekanntesten Sängerinnen der franko-kanadischen Szene, macht erneut in Deutschland Station. Vorab traf ich sie zum Gespräch.
Dominique Fils-Aimé, wenn man alle Ihre Alben nebeneinander legt, sieht man einen Farbkasten vor sich: blau, rot, gelb, grün und violett. Was steckt dahinter?
Fils-Aimé: Ich bin synästhetisch veranlagt, das heißt: Ich sehe Farben in der Musik. Jedes Mal, wenn ich einen Song höre, kann ich die Farbe finden, die dazu passt. Denn alles ist Schwingung – von Farben über Musik bis zu unseren Gedanken und unserer Energie. Und ich glaube, wenn wir aufmerksam sind, können wir alle eine Verbindung zu dieser Schwingung herstellen.
Empfinden denn alle Synästhetiker diese Zusammenhänge gleich?
Fils-Aimé: Ich glaube, dass es einen subjektiven Anteil gibt. Die Frequenz der Musik tritt in Resonanz mit den Erfahrungen, die du gemacht hast, den Dingen, die du gesehen hast –, und deshalb wird das für jeden anders sein. Für mich ist es wie eine chemische Reaktion zwischen dem Gehirn und der Seele. Die nimmt eine Frequenz wahr und interpretiert sie in einer für sie stimmigen Farbe. So, als trügen wir alle unsere eigene Brille mit einem Filter aus unseren Lebenserfahrungen.
Und wie ist das in Ihrem Fall? Wofür stehen die Farben der Alben?
Fils-Aimé: Blau ist die Farbe des Wassers und des Hals-Chakras. Auf dem ersten Album ging es um den Blues, um die Nacht, die Überquerung des Ozeans, um die Zeit der Sklaverei, auch, wie man Stille als Instrument einsetzen kann. Das alles hat sich für mich blau angefühlt. Das Rot auf dem zweiten Album symbolisiert Revolution, Feuer, das einen fruchtbareren Boden für die Zukunft hinterlässt. Es steht auch für die Einbindung von Frauen in die Jazzmusik. Gelb auf dem dritten Album steht für das Erringen von Freiheiten, für Soul, R&B, Dinge, die fröhlich, freudig und leuchtend sind. Ich ging dann zu den Mischfarben über: Das grüne Album symbolisiert die Natur und das Herz-Chakra. Als ich an dem Album schrieb, habe ich viel Zeit mit meinen Pflanzen verbracht. Mein neues, violettes Album mischt das blaue Wasser mit dem roten Feuer. Es steht für das Kronen-Chakra, geistige Klarheit, für Spiritualität, eine Revolution auf ganz persönlicher Ebene.
In Ihren Songs begegnen sich Blues, Jazz und Soul, karibische Rhythmen, Verweise auf Bobby McFerrin und Nina Simone. Was waren Ihre prägenden Erlebnisse mit der Musik?
Fils-Aimé: Als Kind in der Kirche im Chor zu stehen, mittendrin zu sein in dieser Kraft der Stimmen. Als ich älter wurde, lernte ich dann durch die CD-Sammlung meiner Schwester jede Menge Opern, Klassik und Jazz kennen. Ich schlich mich in ihr Zimmer und stibitzte mir immer eine CD. Da waren zum Beispiel System Of A Down, deren Songs unglaubliche Harmonien haben, aber natürlich auch Lauryn Hill, Erykah Badu, Mariah Carey. Und Nina Simone und Billie Holiday natürlich.
Zunächst haben Sie gar nicht als Musikerin gearbeitet, sondern als Psychologin mit autistischen Menschen. Wie kam dann der Schwenk?
Fils-Aimé: Ich hatte ein Burn Out. Und als ich anfing, Musik zu machen, war das für mich ein Heilungsprozess. Ein Instrument konnte ich nicht spielen, also fing ich mit meiner Stimme an. Um sie etwas breiter und voller klingen zu lassen, fügte ich Akkorde hinzu. Zu singen, auch mit sich selbst, tut der Seele einfach so gut. Was für mich am meisten Sinn ergab, war der repetitive Aspekt, mich auf einen bestimmten Rhythmus einzustimmen. Ohne dass ich es überhaupt merkte, entwickelten sich daraus musikalische Mantras. Und ich wurde geradezu besessen von den meditativen Zuständen, ich merkte, dass es mein eigenes Nervensystem zurücksetzte. Ich habe das Gefühl, dass Musik die Kraft hat, unser kollektives Bewusstsein neu zu formatieren.
Ihre Stimme ist besonders: Sie haben weder ein typisch souliges Timbre, noch bewegen Sie sich in der Jazz-Phrasierung. Ihre Vocals leben oft von der Gelassenheit, der Zurückhaltung, der Transparenz.
Fils-Aimé: Ich bin von Natur aus ein sehr ruhiger Mensch. Ich glaube also, dass ich, um Musik auf möglichst authentische Weise zu machen, meine Stimme so einsetzen muss, wie ich sie tatsächlich auch beim Sprechen benutze. Es gibt zwar Momente, in denen ich aufgeregter bin und mein inneres Kind mit den Musikern spielt, aber ich habe keine starke, kraftvolle Gospelstimme. Insgesamt bin ich eher von der entspannten Sorte, das ist die Art von Energie, in der ich mich gerne bewege.
Sie sind in Montréal beheimatet, eine Stadt, die wir vor allem durch Bands wie Indiepop-Bands wie Arcade Fire kennen. Wie stark ist dort die Black Music-Szene?
Fils-Aimé: Ich habe haitianische Wurzeln und in Montréal gibt es eine seit Langem gewachsene Community von Menschen und Musiker mit haitianischen Roots gibt. In der schwarzen Szene entsteht starke und authentische Musik, die aber nicht unbedingt viele Menschen erreicht, daher ziehen viele Künstler aus Montréal weg, nach Toronto oder in die USA, um ihre Musik besser umsetzen zu können. Die Stadt ist eben auch überwiegend französischsprachig, und wenn du auf Englisch singst, hast du es schwer. Das Tolle an Montréal ist andererseits, dass es im Vergleich zu anderen großen Städten nicht so teuer ist. Die Atmosphäre ist sehr entspannt, es gibt wenig Konkurrenz und viel Solidarität. Die Dinge laufen ruhiger und langsamer ab, was im Hinblick auf eine Karriere eben auch nachteilig sein kann.
Sie haben zweimal für Ihre Alben den Juno Award, „Kanadas Grammy“ in der Kategorie Jazz Vocals erhalten. Aber sehen Sie sich überhaupt als Jazzsängerin?
Fils-Aimé: Ich glaube, dass es zwei gültige Definitionen von Jazz gibt. Die eine ist darin verankert, das nachzuahmen, was in der Vergangenheit getan und als akademisches Wissen in Büchern festgehalten wurde – und das ist durchaus legitim. Doch das Wesen des Jazz begann mit Freiheit und dem Verlassen der ausgetretenen Pfade, jenseits der Bücher und jenseits der Schule, und genau dort ist meine persönliche Reise. Es geht darum, die Welt daran zu erinnern, dass Jazz genauso lebendig ist wie Freiheit ein fortwährender Prozess ist, den wir als Künstler und als Kollektiv weiter ausbauen. Ich bin also definitiv eine Jazzkünstlerin, einfach weil ich nicht freier sein könnte und ich in gewisser Weise das Privileg hatte, nicht zur Schule zu gehen, weshalb ich keine Regeln kenne. Und mir gefällt es so!
© Stefan Franzen, erstmals erschienen in der Badischen Zeitung, Ausgabe 19.10.2026
Dominique Fils-Aimé live: 21.10. Jazzhaus Freiburg – 22.10. Musikbunker Aachen – 23.10. Jazzclub Tonne Dresden – 24.10. Die Glocke Bremen





















