Wanderung ins Wegkomponierte

Das Gustav-Mahler-Festival im österreichischen Steinbach feierte seinen zehnten Jahrgang. Mit der Dritten Symphonie im Zentrum werden Werk und Gedankengebäude des Komponisten erleb- und begehbar. Zum heutigen 166. Geburtstag von Mahler ein paar Eindrücke aus Mahlers Sommerfrische.

Machtvoll türmt sich die Wand des Höllengebirges in den milchig-blauen Himmel dieses Hitzetages. Ein Blick, der auch nach 130 Jahren noch unverändert ist. Wir lagern auf Decken unterm Fels und lauschen. Nein, nicht der Natur. Es sind Klänge, die aus einem Lautsprecher strömen. Musik, die 1896 genau hier erfunden wurde, und als sie gegen die steinernen Kolosse schallt, überwältigt sie heute wie damals. Aus einer unbeseelten, starren „Vorwelt“ von dräuenden Hörnern und Posaunen schläen sich spitze Trompeten-Fanfaren, krähende Holzbläser, schließlich ein brutal-triumphaler „Bacchus-Zug“. So hat Gustav Mahler sich das Erwachen des Naturgottes Pan vorgestellt. Eine Schöpfungsgeschichte in einem 35minütigen Satz, die sich in mehreren Anläufen und mehrfachem Zurückfallen in die „Ursuppe“ vollzieht. So lang wie eine eigene Symphonie, dabei ist es lediglich die Eröffnung seiner dritten. Ursprünglich betitelte er den Satz „Der Sommer marschiert ein“. Pünktlich zur Apotheose, zum Sieg des Sommers über das Unbelebte, rattert eine Mähmaschine an uns vorbei. Sie übertönt selbst Mahlers Marsch-Fortissimo.

Ja, akustisch hat sich Einiges verändert seit damals, der Fuhrpark an landwirtschaftlichen Maschinen ist im Dauereinsatz hier am österreichischen Attersee, doch die Felsen türmen sich heute wie damals. Auch wenn der Komponist gegenüber dem Dirigenten Bruno Walter, der ihn hier besuchte, mit einer Handbewegung zum Gebirge behauptete: „Das habe ich schon alles wegkomponiert.“ Von 1893 bis 96 erkor sich Lärm-Allergiker Mahler das kleine Salzkammergut-Dorf Steinbach aus. Mit Schwester Justine und – platonischer – Freundin Nathalie Bauer-Lechner logierte er im „Gasthof zum Höllengebirge“. Der ihm aber auch noch zu laut war, so dass er sich am Saum des Attersees sein berühmtes Komponierhäusl errichten ließ. Heute, nach Zweckentfremdung als Schlachthaus und Waschküche, ist dieses schlichte Refugium wieder hübsch hergerichtet als Pilgerstätte für alle Mahler-Jünger, inmitten von Wohnmobilen und Liegestühlen eines Campingplatzes. Den Gasthof gibt es auch noch, heute wird er von Georg Föttinger und Familie geführt und dient als behagliches Basislager für Musizierende und Besuchende des Gustav-Mahler-Festivals, das gerade sein zehntes Jubiläum feiert.

„Mahler hat immer gesagt, der See habe eine eigene Sprache, der See rede zu ihm. Bis hinauf, ins Gasthaus, da könne er ihn nicht hören, daher müsse er das Häuschen knapp am Ufer haben. Wenn er dem See zuhören kann, dann komponiert es sich leichter, und die Kompositionen fließen dann förmlich aus seinem Kopf.“
(Franz Lösch, Erbauer des Komponierhäusls)

Wer hierher kommt, ist Hardcore-Fan des böhmisch-österreichischen Tonschöpfers und offensichtlich eher der gesetzten Altersklasse zuzurechnen. Viele Briten und Amerikaner haben sich auf den Mahler-„Camino“ gemacht, aber auch Deutsche, Belgier, Italiener. Sie alle eint: Es reicht nicht, Mahlers Sinfonien und seine Lieder einfach nur zu hören. Sie wollen das Ideengebäude dahinter begreifen, die Weltdeutungs-Modelle. Möchten die spirituelle Suche nach den letzten Dingen nachvollziehen, der sich der Komponist wie kaum ein anderer seiner Zunftkollegen zeitlebens verpflichtet fühlte. „Ich bin seit 40 Jahren Physiker, aber wenn ich Mahler höre, werde ich von einer Wirkung überrollt, die ich nicht erklären kann“, bekennt ein Teilnehmer beim Einführungsvortrag.

So ein Mahler-Mekka braucht eine Leitfigur, eine charismatische Persönlichkeit, omnipräsent während der Tage in Steinbach. Morten Solvik begrüßt die Besucher mit herzlichem Handschlag. Der US-Norweger und Wahl-Wiener ist ein rühriger und jovialer Musikologe in seinen Sechzigern, dem man sein Alter nicht ansieht. Seit Jahrzehnten ist er der wohl wichtigste „Mahler-Erklärer“ unserer Epoche,  Vorstandsmitglied der Internationalen Gustav Mahler Gesellschaft und Vizepräsident der Mahler Foundation. Das Festival am Attersee hat er mitbegründet und führt es als künstlerischer Leiter. Sein Verdienst: Er hat die Musikwissenschaft von den Trockenübungen der Hörsäle befreit, geht ins Feld, zu den Originalschauplätzen der Mahler-Vita, macht sein Werk erleb- ja, begehbar. Sein Credo: „Mahler ist für alle da!“ Und tatsächlich schafft er es, „Mahlers Universum“, so der Titel der diesjährigen Ausgabe, plastisch zu entfalten. Auch wenn er solche schwierigen Themen anpackt wie die Geistesverwandtschaft des Komponisten zu Schopenhauer und sein gespaltenes Verhältnis zu Nietzsche. Das Schopenhauer-Konzept des bloßen, unbedingten „Willens“ zum Leben, den der Künstler durch Streben nach der Erkenntnis eines tieferen Sinnes erhöhen kann, ist der rote Faden hinter den sechs Sätzen dieser gigantischen dritten Symphonie. Von der ihr Schöpfer sagte, eine unsichtbare Kraft habe ihm den Auftrag zum Schreiben erteilt.

Jedes Jahr setzt Solvik Gustav Mahler in ein neues Beziehungsgeflecht, die Kulturlandschaft bietet ihm eine Palette von historischen Themen dafür, denn auch Johannes Brahms und Gustav Klimt sommerfrischten hier ausnehmend gerne. Solvik, Föttinger und ihr Team binden diese Querbezüge, den Ort, die Region, ihre Menschen clever ein. In diesem Jahr, zum 130. Geburtstag der Dritten Symphonie gelingt das auf der Klangwanderung besonders schön. Musikpädagogin Angelika Dorfer bringt uns nach einer Einordnung Mahlers ins  hiesige dörfliche Leben auf eine Wiese, dort übernimmt Sabine Pumberger vom Naturpark Attersee-Traunsee in Sennerinnen-Tracht mit einem eigens geschriebenen Blumengedicht, bevor dann der zweite Satz ertönt: „Was mir die Blumen auf der Wiese erzählen“ ist ein Menuett, allerdings keine putzige Blümchen-Musik, sondern es erzählt auch von der Furcht der Wiesengewächse vor dem Sturm. Und wie zum Beleg beugen die Blüten vor uns ihre Köpfe unter auffrischenden Windstößen.

Waldpädagogin Martina Huemer, die aussieht, wie man sich eine Waldpädagogin vorstellt, braungebrannt, mit wilder dunkler Mähne, übernimmt nun den Wanderstab. Ob sie über den einzigartigen Perlfisch im See schwärmt oder ihrer Besorgnis über die gegenwärtige Trockenheit Ausdruck verleiht: Sie tut das alles mit besonnener, in sich ruhender Stimme. Es geht in den dunklen Tann, über Wurzeln und spitze Steine, Amsel, Mönchsgrasmücke, Sommergoldhähnchen, Zaunkönig und Zilpzalp liefern die akustische Kulisse. „Was mir die Tiere im Wald erzählen“, der dritte Satz ist nun Thema. Ein groteskes Scherzo über den toten Kuckuck, der ohne Mitleid von der Nachtigall ersetzt wird, vom Fressen und Gefressen-Werden. Zwei Zeckenstiche werden der Kollateralschaden nach der akustischen Rast auf einem morschen Baumstumpf sein. Mahler, der sich als „Sänger der Natur“ sah, wusste um ihre unerbittlichen Gesetze jenseits aller romantischen Idylle. Doch mittendrin in dieser „pan-ischen“ Jagd ein langes, zu Herzen gehendes Horn-Solo: Der Postillon stoppt seine Kutsche am Friedhof, dort gedenkt er mit seiner Melodie dem toten Freund. Mahler leitet über in die Sphäre des Menschen: Während die Natur unbarmherzig ist, können wir Trauer empfinden – und Rücksicht auf die Schöpfung nehmen.

Die Posthorn-Melodie ertönt abends nochmals live, von der offenen Hintertür des Konzertsaals hinaus in die Seitengassen des Dorfes, gespielt von der Solistin des britischen Orchestra For The Earth. Es ist mit seinem jungen Dirigenten John Warner Stammgast in Steinbach. Ein erfrischendes Kammerensemble, das pionierhaft dem alten Bild vom elitären, ganz und gar nicht Ressourcen schonenden klassischen Musikbetrieb jugendliches Umweltbewusstsein entgegensetzt. Warner und seine Nachwuchsmusiker haben es sich auf die Fahnen geschrieben, alle Tourneen ohne Flugmeilen zu bewältigen. Was dieses Jahr dank maroder Deutscher Bahn für eine strapaziöse 17stündige Anreise sorgte. „Steinbach ist in all den Jahren eine Heimat für uns geworden“, sagt Warner im Gustav-Mahler-Saal, mehr rustikaler, geräumiger Dachstuhl als Konzerthalle. Mit hoher Körperspannung, regelrecht zackig dirigiert er seine eigenen Kammer-Arrangements von Mahler-Liedern und Symphoniesätzen. Vor dem Orchester erinnert seine Silhouette tatsächlich an die bekannten Scherenschnitt-Karikaturen von Mahler in Aktion. Wenn er die Partitur umblättert, zischt es wie ein Peitschenhieb. Bis beim „Abschied“, dem ins Ewige, in den Naturkreislauf entschwindenden Finalsatz aus dem „Lied von der Erde“, der Bariton Rory Greene zusammen mit dem Orchester einen zutiefst berührenden, wehmütigen Flow schafft.

Dass das Orchestra For The Earth seinen Besuch nicht auf das Konzert beschränkt, sondern am nächsten Tag mit Kindern der Volksschule von Steinbach auch an einer Pflanzaktion gestaltet, zeigt, wie ernst es den jungen Leuten mit ihrem Öko-Engagement ist. Sind diese Baumpflanzaktionen nur ein vergebliches „Aufbäumen“ gegen den unvermeidlichen Klimakollaps? Gerade sucht eine beispiellose Hitzewelle Europa heim, von der auch die alpine Region nicht verschont bleibt. Und der letzte Festivalabend, eine Komplettaufführung der Dritten mit dem Brucknerorchester Linz wird nach der Abreise des Autoren dieser Zeilen nur über die Bühne gehen können, weil eilends Klimageräte nach Steinbach geschafft werden, um den Konzertsaal im Laufe dreier Tage auf irgendwie erträgliche Temperaturen für Mensch und Instrument runterzubringen.

Die letzten Stationen der Wanderung sind erreicht, wir tauchen wieder ein in die „Zivilisation“. Im Gemeindezentrum von Steinbach hängt ein beeindruckendes Glas-Mosaik des Künstlers Christian Ludwig: Mahlers Konterfei wächst hier aus einer Flut von Andeutungen an seine symphonischen Themen heraus. Am beeindruckendsten: Dem Komponisten wachsen Äste aus dem Körper, die aber alle abgesägt, manche sogar blutig sind. „Das ist ein Sinnbild für die Kreativität, die ihm immer wieder durch die äußeren Umstände verwehrt wurde“, erläutert Regierungsrat Franz Kneißl, unser Guide für die letzten Stationen. Der vierte Satz ertönt, „Was mir der Mensch erzählt“. Mahler lässt hier die menschliche Stimme ins Geschehen eintreten, der Alt singt Verse aus „Zarathustras Nachtlied“ von Friedrich Nietzsche. Der Wettstreit von Leid und Lust um die Ewigkeit wird erst mit somnambulem Schwebeklang in Szene gesetzt, dann mit einem Thema aus waidwunden Streicher-Aufschwüngen, für das Mahler aus Wagners „Siegfried“ Inspiration empfing. Das aber – Mahler-Biograph Jens Malte Fischer weist darauf hin – eine fast schon unheimliche Ähnlichkeit mit Sebastián Yradiers weltberühmtem Hit „La Paloma“ haben, wenn man sich den Habanera-Rhythmus dazu denkt.

Dann führt man uns hinüber in die kühle Bergkirche von Steinbach. Neben dem Altar sprechen Kneißl und Solvik über die letzten beiden Sätze, mit denen Mahler in die himmlische Sphäre führt. „Was mir die Liebe erzählt“, heißt das Finale, im innigen Choralton gehalten. Zuerst hatte Mahler anstelle der Liebe das Wort „Gott“ gesetzt, doch sein überkonfessioneller, pantheistischer Geist siegte. Wichtiger als die Vorstellung eines dogmatischen Gottes, so Solvik, war ihm die Idee der Vergebung, des Mitgefühls, der Liebe in ihrer reinen Form. Wie sich diese Liebe über zwanzig Minuten immer klarer gegen die Verzweiflungsschübe durchsetzt, wie sich Gewissheit über Vergebung im massiven Schluss-Dur Bahn bricht, lässt nicht nur Morten Solvik aufseufzen, auch etliche Teilnehmer in den Bänken haben feuchte Augen. Diese endlose Quelle lässt sich nicht weg-, sie lässt sich immer nur neu komponieren.

Was bleibt von Gustav Mahlers Botschaft heute? Kann man seinen Geist in Steinbach erspüren? Wäre er heute ein Umweltbewegter? „Mahler wäre heute nicht der Mensch, der er damals war, alles andere ist Spekulation“, sagt eine Dame aus Böblingen während wir im Bus am See entlangfahren. Auf dem man während der Woche auch für knapp 100 Euro bei einer Bootsfahrt Backhendl und Marillenknödel mit Mahlers Antlitz vertilgen kann. Teil eines Event-Konzepts, das mit den Zeichen der Zeit geht und bei allen Festivals dieser Art im Aufgebot ist. Eine „Genuss-Beimischung“. Die aber nicht den hohen Anspruch übertünchte, Mahlers Ringen um Weltdeutung in vielen Konzerten, Vorträgen und Naturerlebnissen nahezubringen. Ein Ringen, das so faszinierend, da zeitlos ist. Das Streben nach metaphysischer Erkenntnis, aber auch nach Vergebung, Mitgefühl, Rücksicht auf die Umwelt, ja, und auch nach Stille: Fast ist es eine Binsenweisheit, dass diese Botschaft im  lauten Weltgetriebe von 2026, dem permanenten Aufmerksamkeits-Erhaschen, dem Zeitalter „alternativer Fakten“, erlahmender Öko-Bewegung und der Entwicklung zu protofaschistischen Gesellschaften mehr gehört werden müsste. Nicht zuletzt, weil viele das in Mahlers Musik spüren, dürfte er eine so große Relevanz in unserer Ära haben.

Spätabends noch einmal unten am Komponierhäusl. Ein sanftes Schwappen der Wellen, im Rücken die mondbeschienene Felsenwand. Mähdrescher, Laubbläser und Heckenscheren schweigen, auch die Rückfahrwarner der Wohnmobile. Und wenn man Glück hat, und gerade kein röhrender Feuerstuhl an der Uferstraße entlangfegt oder draußen auf dem Wasser keine Technoparty auf einem Motorboot gefeiert wird, dann bekommt man eine Ahnung. Einen leisen Schauer davon, in welcher stillen Atmosphäre Mahler hier noch sein Weltgebäude aus Tönen errichten konnte, das jede empfindende Seele bis heute zum Schwingen bringt.

© Stefan Franzen

alle Fotos © Stefan Franzen

Das nächste Festival befasst sich 2027 mit dem Thema „Mahler und Beethoven“ und findet vom 30. Juni bis zum 4. Juli 2027 statt.

Auf der Wanderung gehört wurde eine Live-Einspielung (2010) von Mahlers Dritter Sinfonie mit dem Royal Concertgebouw Orchestra unter Mariss Jansons, den Mezzo-Sopran singt Bernarda Fink.

 

Radiotipp: Musikalischer Farbkasten

Foto: Vladim Vilain

Musikalischer Farbkasten
– ein Porträt der Sängerin Dominique Fils-Aimé

JazzFacts im Deutschlandfunk – Donnerstag, 9.7.2026 – 21h

Sie ist das bekannteste Gesicht der franko-kanadischen Black Music-Szene. In den Songs von Dominique Fils-Aimé begegnen sich Blues, Jazz und Soul, karibische Rhythmen, Stimmenschichtungen à la Zap Mama und Bobby McFerrin. Für Fils-Aimé hat Klang eine heilende Kraft – und er hat auch eine visuelle Komponente: Die 41-Jährige aus Montréal verfügt über die Gabe der Synästhesie, sie sieht Farben in den hörbaren Frequenzen.

Spät kam sie zur Musik: Nachdem sie als Psychologin mit autistischen Menschen gearbeitet und ein Burn Out erlitten hatte, entdeckte Fils-Aimé den Gesang als neuen Anker in ihrem Leben. Durch Solo-Experimente mit ihrer Stimme entwickelte die Frau mit haitianischen Wurzeln einen unverwechselbaren Stil, der zudem durch Farben geprägt ist: Ihre erste Alben-Trilogie widmete sich der afro-amerikanischen Musikgeschichte mit Blues, Jazz und Soul in den Grundfarben Blau, Rot und Gelb. In ihrer zweiten Trilogie erzählt sie persönlichere Geschichten in Mischfarben: Ihr aktuelles Werk „My World Is The Sun“ ordnet sie dem Farbton Violett und dem Kronen-Chakra zu, das für Spiritualität und den Kontakt zur göttlichen Sphäre steht.

Im April konnte ich Dominique Fils-Aimé in Mulhouse zu einem langen Interview treffen. Die JazzFacts im Deutschlandfunk strahlen nun mein Porträt aus, am Donnerstag den 9.7. von 21 bis 22 Uhr. Viel Spaß beim Zuhören !

JazzFacts

Dominique Fils-Aimé live:
8.7. Gretchen Berlin, 9.7. Kulturzelt Kassel, 11.7. ELBJAZZ Hamburg, 12.7. Jazz Festival Gent (BE), 14.7. Kulturfestival St.Gallen (CH), 15.7. Autostadt Sommerfestival Wolfsburg, 17.7. Kulturarena Jena

Aus mir braust finstre Tanzmusik

„Aus mir braust finstre Tanzmusik“ – Else Lasker-Schüler vertont
SRF 2 Passage – 19.06.2026, 20-21h
von Stefan Franzen

Mit etwa 2.500 Vertonungen wurde Else Lasker-Schüler so oft in Töne gekleidet wie keine andere deutschsprachige Dichterin. Welche Faszination geht von dieser Lyrik für Musikerinnen und Musiker aus? Eine Spurensuche in Wuppertal, Dresden und der Schweiz.

Ihre Poesie selbst ist schon Musik, Gedicht-Titel wie „Ouvertüre“, „Fortissimo“ und natürlich das berühmte „blaue Klavier“ künden davon. André Previn, Erich Walter Sternberg und der zeitgenössische Schweizer Tonschöpfer David Philipp Hefti fanden ganz unterschiedliche Ansätze für Vertonungen. Aber auch der Pianist und Komponist Ulrich Klan aus Lakser-Schülers Heimat Wuppertal oder die Songwriterin Christa Abels beschäftigen sich mit den Versen der „expressionistischen Poetin“. 80 Jahre nach ihrem Tod in Jerusalem ist Else Lasker-Schüler zeitlos – als Vorreiterin für die Aufläsung von Rollenbildern, als Friedensbotschafterin und nicht zuletzt als eine frühe Performance-Künstlerin.

Nach der fünfteiligen SWR Musikstunde über das Leben der Dichterin im März richte ich nun für den Schweizer Rundfunk den Fokus auf die verschiedene Ansätze, ihre Lyrik zu vertonen. Auch für Nicht-Schweizerinnen und -Schweizer ist die Sendung nach der Ausstrahlung online nachzuhören.

«Aus mir braust finstre Tanzmusik». Else Lasker-Schüler vertont

Zum Tod von Uli Lemke

Mit großer Bestürzung und in tiefer Trauer muss ich den Tod meines langjährigen  journalistischen Kollegen Uli Lemke vermelden. Uli ist  am Montag, 1. Juni, wenige Tage vor seinem 75. Geburtstag verstorben. Drei Jahrzehnte lang hat Uli wesentlich zum Werden und Gelingen der Zeitschrift Jazz thing / blue rhythm beigetragen und das durchweg kollegiale und menschliche Arbeitsklima in der Redaktion entscheidend mitgeprägt. Uli, vor 30 Jahren schon einer der profundesten Kenner der Blues- und Roots-Szene in all ihren Facetten und zuvor Chefredakteur der Blues News, trat sehr früh, 1995, in die Jazz-thing-Historie ein, als er auf einer gemeinsamen Grand-Canyon-Wanderung mit Jazz-thing-Chefredakteur Axel Stinshoff die Idee einer Tochterzeitschrift entwickelte. Ab der Heftausgabe 11 wurde das Magazin Blue Rhythm unter seiner Regie zum regelmäßigen Begleiter von Jazz thing. Blue Rhythm widmete sich den Geschehnissen in der Worldmusic, die damals in Deutschland durch die Decke ging, und bildete parallel dazu alle Aktualitäten im Blues, Soul und Country ab.

Uli verstand es in enger Abstimmung mit Stinshoff und einem großen Netzwerk aus freien Autor:innen, diese Vielfalt an Themen zu bündeln, ein Netzwerk von in ganz Deutschland verteilten Schreiber:innen zu koordinieren und so drei Mal im Jahr eine abwechslungsreiche, spannende Zeitschrift zu gestalten. Blue Rhythm wurde unter seiner Führung zum einzigen ausschließlich dieser Nische verpflichteten Musikmagazin im deutschsprachigen Raum. Er selbst trug als Autor mit vielen Stories, Interviews und Plattenkritiken dazu bei, etwa über Taj Mahal, John Lee Hooker oder Irma Thomas. Sein präziser, von immensem Hintergrundwissen und trockenem, auch mal augenzwinkernd-bissigem Esprit geprägter Stil war sein Alleinstellungsmerkmal.

Sehr gut erinnere ich mich an unseren Erstkontakt: Ich meldete mich als junger Musikwissenschaftler und angehender Weltmusik-Schreiber 1997 telefonisch bei Uli, um ihm ein Interview mit der finnischen Band Värttinä anzubieten. Sofort stimmte die Chemie, und dank ihm begann für mich eine journalistische Arbeit bei Blue Rhythm und Jazz thing, die bis heute anhält. Ebenso gut erinnere ich mich an seine erste Korrektur meines Textes: Er lachte herzlich darüber, dass ich aus den „Frontfrauen“, den Värttinä-Sängerinnen der vordersten Reihe, vertippend „Fronfrauen“ gemacht hatte. Als die Blue-Rhythm-Themen 2009 schließlich in der Mutterzeitschrift Jazz thing aufgingen, war Ulis formende Kraft weiterhin über Jahre gefragt. Nach seinem Ausstieg aus der Redaktion blieb er trotz eingeschränkter Gesundheit der Redaktion von Jazz thing als Rezensent erhalten.

Musikalisch war Uli immer breitspurig unterwegs. Seine Liebe galt der Roots-Music und dem Blues, von Ry Cooder bis zu Rokia Traoré, von Tom Waits bis zu Lhasa de Sela. Er begeisterte sich für Grenzgebiete zwischen Jazz und freien Formen. Wenige wussten, dass sein Herz auch für die Klassik schlug: Mit ihm konnte ich in detaillierte Diskussionen über die Interpretationen von Gustav-Mahler-Symphonien einsteigen (sein Lieblingsdirigent: Klaus Tennstedt). Und immer wieder debattierten wir auch marginal über Fußball, wobei er sich als Dortmunder, der lange Zeit in der Nähe des BVB-Stadions wohnte, köstlich über die neuesten badischen Bonmots des SC-Freiburg-Trainers Christian Streich amüsierte.

Mit Uli verlieren wir einen wunderbaren Kollegen und Freund, der für die Nischen-Musik und jede noch so außergewöhnliche Entdeckung brannte und der es immer wieder verstand, uns mit seiner Begeisterung anzustecken. Mehr als 30 Jahre hat er unserem Teamwork ein angenehm menschliches Klima verliehen und prägte unzählige Arbeitstelefonate und persönliche Gespräche mit seinem ihm ganz eigenen Humor. Wir erlebten Uli oftmals herzlich und bescheiden, der seine eigenen Belange und die Krankheit der letzten Jahre nie ins Zentrum stellen wollte.

Axel Stinshoff: „Seine westfälisch-trockene Art und große persönliche Bescheidenheit sollten nicht darüber hinwegtäuschen“, schreibt Axel Stinshoff, „dass Uli der wahrscheinlich profundeste Kenner und leidenschaftlichste Fan amerikanischer Roots-Musik, vor allem des Blues in all seinen Schattierungen und Epochen, war, den ich je erlebt habe. Diese seine tiefgehende musikalische Kompetenz, sein geschmackssicheres Urteil und das darüber hinaus stets weit geöffnete Visier für originäre, originelle und progressive Musik aus aller Welt führten vor 30 Jahren zur gemeinsamen Gründung von Blue Rhythm – bis heute in wechselnder Gestalt essenzieller Bestandteil von Jazz thing. Ulis musikästhetische Feinsinnigkeit entsprach dem trocken-ironischen Feinsinn seines vorzüglichen Humors. Beides wird uns sehr schmerzlich fehlen. Wir trauern um Dich, verneigen uns vor und bedanken uns bei Dir, lieber Uli.“

Heilige Töne an der Hase

Abdullah Miniawy Trio
Ganavya Trio & Marienkantorei Osnabrück

Morgenland-Festival Osnabrück, St. Marien
29.05.2026

Osnabrück ist die „Friedensstadt“ Deutschlands. Es will daher nicht so recht zusammenpassen, dass sich auf dem Theatervorplatz die Bundeswehr mit einer großen Anwerbeaktion samt schwerem Gerät präsentiert. Eine kleine Gruppe von vorrangig jungen Menschen hält demonstrierend dagegen, während sich über dem Geschehen dunkle Gewitterwolken zusammenbrauen. Dass die Stadt am Fluss Hase im Friedenskontext zitiert wird, liegt zunächst daran, dass sie Unterzeichnungsort war, als 1648 einer der Verträge des westfälischen Friedens besiegelt wurde. Heute hat die Bezeichnung noch eine andere Bedeutung: Als Schau- und Hörplatz des alljährlichen Morgenland-Festivals, das Michael Dreyer entwickelt hat. 2026 hat er den Staffelstab in der künstlerischen Leitung an Shabnam Parvaresh weitergegeben.

Die Klarinettistin, die einst zum Musikstudium nach Deutschland kam, hat nun in Osnabrück eine neue Heimat gefunden und ist dem Festival seit Langem verbunden. In ihrer Begrüßung zur Festivaleröffnung betont sie, dass der aus der Zeit gefallene Begriff „Morgenland“ für sie keine geographische Zuschreibung ist. Sondern eine Vision für eine neue Gesellschaft und Kultur, auf die gemeinsam hingearbeitet werden muss. „Es liegt nicht allein im Nahen Osten – es liegt vor uns. Es ist ein imaginiertes Morgen, ein Raum der Möglichkeiten. Es steht für das Kommende, das wir miteinander formen können.“ Wie wichtig der Beitrag eines solchen Festivals dazu ist, kann kaum überschätzt werden – auch und vor allem als Gegenentwurf zu einem Gesternland, zu dem die „Neue Rechte“ Deutschland wieder machen will.

Und erst recht nicht, da etliche andere deutsche Roots-Festivals ihre kulturelle Zukunftsvisionen von Diversität und stilistischem Weitblick über die Jahre geschmälert bis aufgegeben haben. Den Fokus richtet Parvanesh in ihrem ersten Jahr auf den Begriff „Diaspora“. Schon im starken, stimmigen und vor allem tief berührenden Auftaktkonzert zeigte sich, was möglich ist, wenn mit Bedacht und Herzblut ein Programm kuratiert wird.

Seine glühende Stimme schenkt der Ägypter Abdullah Miniawy dem Auditorium zum Einstieg. Und diese Stimme hat sich freigemacht von allen Orient-Klischees: In ihr wohnen noch die Melismen der arabischen Kunstmusik, aber auch die sakrale Musik aus der Alten Musik Europas klingen an. Mal ist er mit expressiven Rezitationen unterwegs, schraubt sich dann aber immer wieder zu schmerzlicher Intensität empor, mal kräftig nasal, mal in wispernder Verletzlichkeit. Flankiert wird Miniawy von zwei Posaunenmeistern der freien Improvisation, den Italienern Filippo Vignato und Andrea Andreoli. Die bieten ihm mal ein Bett aus choralartigen Liegetönen, dann wieder umspielen sie ihn staccatierend oder gehen ins  freie Geräuschhafte, auch die Obertonfarben eines Didgeridoo werden da nachgeahmt. Da wir in einer evangelisch-lutheranischen Kirche lauschen, kommt immer wieder die Assoziation zum Posaunenchor.

Zum Gesamtkunstwerk wird dieser Auftritt durch die Gestik und Mimik Miniawys: Nach eigenem Bekunden hat er sich kürzlich einer Tai- Ji-Gruppe angeschlossen, und fast scheint es, er habe die fließenden Bewegungen in seine Deklamatorik integriert. Zum Ende eine Botschaft: Sprecht Fremde an, interessiert euch für den Nachbarn, blickt von euren Smartphones auf. Er habe das für das Jahr 2026 zu seiner Lebensübung auserkoren.

Nach der Pause wird es „inklusiv“. Ganavya hat die Marienkantorei eingeladen, mit ihrem Trio die Bühne zu teilen, und der Chor legt sanfte Summtöne unter ihren schweifenden Vortrag, der von Harfen-Arpeggien und meist hellen Piano-Tropfen begleitet wird. Die Tamilin ist zwischen Südindien und NY mit Pilgerliedern und der Tradition des Harikathā aufgewachsen, einer Kunst des Storytellings in Tönen, hat ihr Spektrum aber bis in die Spiritual Jazz-Klassiker von Alice und John Coltrane geweitet, ist eng befreundet mit Shabaka Hutchings und Esperanza Spalding.

In epischen Stücken erzählt sie ihre Geschichten, wechselt dabei oft von delikatem Flüstern, das aber nie zerbrechlich wirkt, in scheinbar endlose Bögen auf- und abschwingender Melodieseligkeit, die das Herz wie ein Strom aus Liebe mitreißen. Ihre ernste, nach innen gewandte Gestik, ganz anders als die verzückte Extrovertiertheit von Miniawy, erzeugt den Eindruck, man lausche hier einem langen Gebet, einer intensiven Zwiesprache mit dem Höchsten. Dabei muss sie oft diskret ihre Stimme freihusten, ihr Timbre habe sich durch die Schwangerschaft stark verändert habe, sagt sie. Umso bewundernswerter die  souveräne Beherrschung ihrer sich manchmal über Minuten erstreckende Phrasierung.

alle Fotos © Stefan Franzen

Man kann gar nicht anders als ergriffen sein von diesem Set, das in der Atmosphäre einer Art überkonfessioneller Kommunion sein Finale findet: Zunächst stützt sie der Chor mit dem Refrain des „Nine Jeweled Prayer“, eine heilige Hindu-Litanei an die Göttin Lalitha. Und am Ende dann wird das ganze Kirchenschiff wird zum Klangraum, als Ganavya die Hörenden auffordert, in einen Vers einzustimmen, der noch lange nach diesem berührenden Erlebnis nachklingt: „There is so much beauty and comfort in being in love and just being.“ Das Morgenland-Festival läuft an verschiedenen Spielorten Osnabrücks noch bis zum 6.6.

© Stefan Franzen

MORGENLAND FESTIVAL OSNABRUECK
Abdullah Miniawy
TOUR | ganavya

Ein Mann weint nicht

João Afonso
Todo Tempo

(Lusitanian/Broken Silence)

Vertraut klingt der Name im musikalischen Kontext – und tatsächlich: João Afonso ist der Neffe des 1987 verstorbenen Liedermachers und Dichter des Nelkenrevolution-Liedes „Grândola, Vila Morena“, José „Zeca“ Afonso. Im Laufe der letzten 30 Jahre hat der Songschreiber, Sänger und Gitarrist im ruhigen Gang neun Alben veröffentlicht, die hierzulande meist Kennern vorbehalten blieben. Todo Tempo bündelt seine Schöpferkraft musikalisch und poetisch. Im Titeltrack paaren sich trabende rhythmische Ausgestaltung und eine melancholische Melodie zu ruhigen Bläsersätzen. Fast klassisch wird es in Balladen wie „Pernoitas Em Mim“, nur mit Klavier und Cello textiert. Mit „Um Homem Não Chora“ (ein Mann weint nicht) ist eine eingängige Folkpop-Hymne gelungen.

Im Mittelpunkt steht dabei immer Afonsos sensible Stimme, die sich zwischen Verletzlichkeit und kräftigem Volksliedton aufspannt. Ein wichtiger Aspekt des Songzyklus ist Afonsos persönlicher Hintergrund: Er wuchs noch während der Kolonialzeit in Mosambik auf, afrikanische Tönungen scheinen daher in der reichen rhythmischen Ausgestaltung, aber auch in Melodien und Instrumentierung durch, etwa in der Gitarrenarbeit von „Matope“ oder der tänzerischen Unbeschwertheit von „Sonhei-te“, der Rão Kyãos Flöten-Interludien sogar einen Schuss Indien-Flair hinzufügen. Organisch wird der tropische Aspekt zur rustikalen Tönung portugiesischer Saiteninstrumente gruppiert. Schwelgerischer Höhepunkt: Die ruhige Nummer „Guardião Das Estrelas“, bereichert durch den Frauenchor CouraVoce.

© Stefan Franzen

João Afonso: „Todo Tempo“

Mondlieder am Mittag

Yann Keerim & Sokratis Sinopoulos (Foto: © Stefan Bross, Forum Jazz e.V.)

Erstmals bespielte das Forum Jazz e.V. während des ECM-Festivals die Scheune des Gasthauses Raben in Horben. Eine unvergessliche Sonntags-Matinee mit Duo-Höhenflügen in akustischer Traumkulisse.

Eine Ehrung als Prolog: Labelchef Manfred Eicher, der das dritte Mal zum biennalen Festival seiner Hochkaräter in den Schwarzwald gereist ist, erhält eine Fototafel, auf der er in Proben-Aktion zu sehen ist. Die bescheidene Produzentenlegende versteckt sich dann doch lieber hinter einem der großen Trägerbalken der holzgesättigten Scheune. Jenes Holz, das viel zur warmen, beglückenden Akustik dieses Morgenkonzerts beiträgt.

Zwei global gefärbte Duos mit der Verschmelzung von Jazzvokabular und lokalen Klängen, insbesondere des Balkans – so das übergreifende Thema dieses Finales. Sokratis Sinopoulos und Yann Keerim, die kleine Streichlaute Lyra und der Konzertflügel: Wie kann dieses ungleiche griechische Paar zu einer schlüssigen Zwiesprache finden? Zweifel sind im Nu verflogen. Mit gravitätischen Akkorden baut Keerim der Lyra eine Grundlage, sie legt sich mit einem feinen Gespinst aus obertonreichem Spiel darüber. Hier wohnt in jedem gestrichenen Ton ein Universum, glasig-rauchige Mehrstimmigkeit entsteht, und die ornamentalen, schmerzlichen Melodien werden von anrollender Tastendynamik unterfüttert.

Über das gesamte Oktavenspektrum atmet Keerim mit dem Piano, dräuend in der linken Hand, matt glühend in der Melodik der rechten. Er gleitet in impressionistische Harmonien, in expressiven russischen Gestus hinein, während Sinopoulos auf seiner Lyra asketische, wispernde Umspielungen einer Phrase kultiviert. Es ist in diesem Suiten-artigen Set, als begegnete ein Reisender auf dem Ozean der Klänge einer tiefen, heimatverhafteten Wahrheit. Wiederholt kehrt das Duo zu den Rumänischen Volkstänzen von Béla Bartók zurück, besonders der berühmte „Brâul“ erfährt eine durch Improvisation dramatisch ausgebaute Spannungskurve. Die Dorftanz-Atmo greift Sinopoulos auf, indem er die Lyra auch mal zum Schlaginstrument macht, während Keerim beschwipst stolpernde Figuren entgegensetzt. Und immer wieder kostet die Streichlaute auch ihre geräuschhafte Potenz auf, bis hin zum Krächzen und windgleichen Hauch. Am Ende – ein Nachhorchen in die Stille hinein.

Elina Duni (Foto: © Stefan Bross, Forum Jazz e.V.)

Nicht nur künstlerisch ein Paar sind die albanisch-schweizerische Sängerin Elina Duni und der britische Gitarrist Rob Luft, die zur Mittagszeit ihr Mondlieder-Programm spielen. „Eine gewisse Herausforderung“, wie Duni feststellt. Sie hat über die Jahre ihre persönliche Synthese aus Jazzstandards und südosteuropäischen Farben entwickelt, bereichert durch weitere regionale Ausflüge. Ohne Bruch kann sie einen träumerischen Irving Berlin-Einstieg neben ein quertaktiges nordalbanisches Lied stellen, später ein persisches Wiegenlied neben einen Hit, den man von Doris Day kennt. Dunis Stimme besitzt gerade in den balkanischen Momenten eine fantastische kehlige Grundfärbung, in den jazzigen Passagen beherrscht sie aber die Klaviatur des Schmachtens und des meisterhaften Phrasierens.

Ihr Gegenüber entwickelt auf der halbakustischen Gibson eine verblüffend orchestrale Fülle. Im raffinierten Wechsel von Plektron und Finger, Tapping auf dem Griffbrett, Schwellakkorden und subtilem Vibrato sowie dezentem Einsatz von Loops entsteht ein nie versiegender Flow. Oft macht Luft den Anschlag unhörbar, kreiert Sounds, die auch mal an schwerelose Keyboard-Kaskaden erinnern. In einem Lied auf Rumantsch gipfelt die Duo-Kunst der beiden Sich-Blind-Versteher, als rasante Terzen-Läufe auf Dunis resolute Vokalkunst treffen. Getoppt wurd das nur durch einen somnambulen Mondwalzer aus Napoli. Und das, während die Mai-Sonne kräftige Lichtstrahlen in diese wunderbare Scheune sendet, die dem Festival hoffentlich immer als Spielort erhalten bleiben darf.

© Stefan Franzen, erstmals veröffentlicht in der Badischen Zeitung, Ausgabe vom 5.5.2026

Lehrgang in Zärtlichkeit

Clément Janinet
Garden Of Silences
(BMC Records/Galileo)

Was für ein wunderbarer Albumtitel – und er umreißt das, was hier passiert in schöner, poetischer Weise. Das Album des Komponisten und Geigers Clément Janinet, siedelt in einem Zwischenreich von mediterranen Traditionen, Alter Musik und Jazz. Die Violine begibt sich in Quartett-Dialoge mit Trompete (Arve Henriksen), Akkordeon (Ambre Vuillermoz) und Bass (Robert Lucaciu). Eine alte, modale Melodie schimmert in „Tranformations“ durch das wie Espenlaub vibrierende Ensemble, feurig-balkanesk steigt die Geige empor, triumphal begehrt die Trompete auf.

Getragen von ihrem weihevollen Ton ist auch der „Song For Madeleine“, an den Janinet eine still glühende Impro anschließt. Konkrete Bezüge gibt es zum Barock, wenn sich das Quartett – allerdings mal frei schwebend, mal mit geräuschhaftem Intro – auf Schleichpfaden an Themen von Buxtehude und Dowland annähert. Extrem zerbrechliche Miniaturen sind die stillen Hymnen „In The Head“ und das intime „Lola“, in der Henriksen sein Instrument das Weinen lehrt. Man könnte diese Scheibe tatsächlich als Lehrgang in Zärtlichkeit beschreiben.

© Stefan Franzen

Clément Janinet: „Garden Of Silences“ auf Bandcamp

Musik für das Kronenchakra

SRF 2 Kultur
Musikmagazin
Interview mit Dominique Fils-Aimé
18.04.2026, 10h / 19.04.2026, 20h

Kürzlich durfte ich im elsässischen Mulhouse die franko-kanadische Sängerin und Songwriterin Dominique Fils-Aimé zum Interview treffen. Dominique hat gerade auf Ensoul Records ihr neues Album My World Is The Sun veröffentlicht, dem sie die Farbe Violett zuordnet. Als Synästhetikerin sieht sie Farben in der Musik und erklärt in diesem Kurzbeitrag im SRF 2 Kultur Musikmagazin, wie sie die verschiedenen Werke zu Grund- und Sekundärfarben gruppiert. Im Sommer dann mehr zu dieser herausragenden Künstlerin im Deutschlandfunk.

Dominique Fils-Aimé auf Bandcamp

Psychotopisches Paradies

Ausflüge zu Komponisten-Domizilen sind ja meine Steckenpferde, wie ganz aufmerksamen Leserinnen und Lesern dieses Blogs nicht entgangen sein dürfte. Das Belvedère von Maurice Ravel in Montfort L’Amaury, rund 40 Kilometer westlich von Paris, stand schon seit vielen Jahren auf meiner Wunschliste, doch bei vergangenen Paris-Aufenthalten scheiterte der Besuch an Zeitmangel und der aufwendigen Anreise dorthin. Jetzt aber, zu Ravels 151. Geburtstag sollte es sein.

Man muss das wirklich wollen – denn der Besuch wird einem alles andere als leicht gemacht. Das Belvedère öffnet sich dem Publikum nur an Wochenenden und auf vorherige Reservation. Und der Weg dorthin mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist nur in einer Kombination aus Métro, RER und Bus zu wuppen, man benötigt zweieinhalb Stunden.

Kräftigung ist also angesagt in einem meiner Lieblingscafés, Nähe der U-Bahn-Station Stalingrad, dem Jaurès. Der streitbare Reformsozialist steht Pate für ein Établissement, in dem als Untermalung leider auch KI-generierter Smooth Jazz Einzug gehalten hat. Für Leute wie mich, die sich professionell mit der Beurteilung von Musik beschäftigen, ist es  – noch – relativ leicht, die Quelle als nicht menschlich zu identifizieren. Man entdeckt die Parameter leicht, die hier eingegeben wurden: eine melancholische, hauchende Stimme (jede einzelne Silbe wird zum lasziven Schaukasten), schablonenhafte Harmonien in den Schichtungen. Klischeehafte Sax-Einwürfe. Ein lebloser Bass, bei dem das Holz nicht hörbar ist. Standardisierte Drums mit durchlaufender Bongo. Wird improvisiert, dann in engem Umfang, es gibt keine Ausbrüche, keine Geistesblitze. Und wieder stellt man zum x-ten mal fest, wie dämlich die Bezeichnung „KI“ ist: Künstlich, ja, aber intelligent? Maurice Ravel, ein Freund des verspielt Mechanischen, der raffinierten Apparatur: Vor dieser Künstlichkeit hätte es ihm vermutlich gegraust.

Als sich die Agglomeration von Paris ausdünnt, wird die Landschaft der Île-de-France fast lieblich. Magnolien und frühe Obstbäume blühen hier schon allerorten, westlich von Versailles ist der Umstieg in einen Bus vonnöten, der zuckelt über fast 30 Stationen durch eine weite, diesige Landschaft mit ganz sanften Hügeln und kleine Dörfer mit Steinhäusern. Dann kommt der Ort Montfort-l’Amaury in Sicht.

Nicht ohne Charme liegt das Städtchen am Waldsaum von Rambouillet, eine überdimensionale Kirche überragt die schmalen Kopfsteinpflastergassen, auf dem zentralen Platz ein paar Cafés und ein indisches Restaurant. Um die Ecke windet sich eine Straße bergan auf einen Hügel mit Ruinen – und an eine Kurve drängt sich ein schmales, langgestrecktes, von einem Türmchen bekränztes Haus. Ein  architektonisches Kuriosum.

1921 hat Ravel es erworben, auch um seine Ruhe vor dem Gewühle von Paris zu haben, das trotzdem nicht außer Reichweite war. Der handwerklich Unbegabte verzweifelte zunächst: Ein Wassereinbruch ruinierte das Klavier, seine trinkende Magd stahl ihm Einrichtungsgegenstände. Doch schließlich war es soweit, er konnte Gäste empfangen. Eine enge Freundin des Komponisten, die Violinistin Hélène Jourdan-Morhange, berichtet von einer merkwürdigen Einrichtung, die sich auch heute noch bewundern lässt. Der Autor Theo Hirsbrunner spricht gar davon, das Haus sei ein Psychotop: In seiner Oper „L’Enfant Et Les Sortilèges“ habe Ravel gewissermaßen sein ganzes Intérieur und den umliegenden Wald von Rambouillet zu einem Libretto von Colette vertont.


Ein kleines Grüppchen hat sich eingefunden, um von einer freundlichen, kenntnisreichen älteren Dame durch das unfassbar schmale Anwesen geleitet zu werden. Im engen Flur hat man ständig Angst, irgendetwas von den Wänden zu fegen. In dem von Ravel veranlassten wenig schmucken Küchenanbau beginnt die Tour, führt dann vorbei an Vitrinen, in der die Originalpartitur von „L’enfant…“ und eine beeindruckende Büste stehen, man darf dann auf leisen Sohlen seinen Ruheraum und Salons betreten, von einem führt eine Geheimtür in Ravels Bibliothek.

Schachbrettkacheln zieren den Boden, und auf den Kommoden, Borden und Tischen offenbart sich Ravels kindlicher Spieltrieb: Eine Anhäufung an Schächtelchen, Glaswaren, Figurinen, eine Vase mit antik griechischen Motiven, japanische Zeichnungen bilden ein alles andere als homogenes Interieur, trotzdem reibt sich hier nichts, da alles zusammen ein fragiles, zartes Gesamtkunstwerk ergibt.

Bewundern kann man auch sein Klavier, auf dem eine Glaskugel thront. In sie ist eine Pappmaché-Landschaft eingearbeitet, über der sich sogar die Wolken bewegen lassen. Neben dem Piano sein sehr aufgeräumter Arbeitstisch. Und natürlich gibt es auch ein Grammophon zu bestaunen, auf der noch eine leicht staubige Schellack-Platte mit der Aufnahme des Streichquartetts in F-Dur liegt, eines meiner Lieblingswerke des Komponisten.

Im unteren Stockwerk, abseits der zwar nicht belebten Straße, die aber durch das Kopfsteinpflaster damals trotzdem mächtig störend auf das schaffende Gemüt gewirkt haben dürfte, befinden sich Bad und Schlafzimmer, das ich aus Pietätsgründen nicht abgelichtet habe. Feucht sei es gewesen, sagt unsere Führerin, und alles andere als gesund, hier zu schlafen.

Dann schweift der Blick über seinen Garten in die Senke, am Horizont rechts erstreckt sich im leichten Dunst der Wald von Rambouillet. Die Ravel-Forscherin Colette Loubet-Durègne schreibt: „Er, der Dandy, der Mondäne, der Nachtschwärmer, liebte die Natur und vor allem die Gegend von Rambouillet mit ihrem Wald, den er in jeder Richtung und Jahreszeit Tag und Nacht durchstreift hatte und der schließlich für ihn kein Geheimnis mehr aufwies: Er hatte alle Gerüche eingesogen, jeden Baum erkannt, jede Pflanze und jedes Geflüster und die tausend flüchtigen Geräusche bemerkt: das Brummen der Insekten, das Quaken der Frösche, das Lachen des Waldkauzes, den Flug der Libellen, das Murmeln der Brise.“

Ravel komponierte auf seinen stundenlangen Spaziergängen, seine Wahrnehmungen flossen vor allem in die Oper „L‘Enfant Et Les Sortilèges“ ein. Doch wie übersetzte er diesen Wald, den er so liebte, in Töne? Nicht als lieblichen Ort. So, wie er im ersten Teil des Werks die Gegenstände im Haus lebendig werden ließ, sind es im zweiten die pflanzlichen und tierischen Bewohner: Gequälte Bäume, ein gefangenes Eichhörnchen, eine Libelle mit einem Flügel, getötete Fledermäuse und tanzende Frösche finden sich ein, um dem Protagonisten, einem bösen Kind zu zeigen, wie es sie verletzt hat. Der Wald als gigantische und dämonische Opernbühne.

Bis zuletzt hat Ravel, so berichteten übereinstimmend seine Freunde, trotz seiner mysteriösen Hirnerkrankung, vielleicht ausgelöst durch einen Unfall während einer Taxifahrt, seinen Wald von Rambouillet mit lebhaftem Schritt so oft er konnte durchquert. Für diesen Mann, dem es unmöglich wurde zu komponieren, der an chronischen Kopfschmerzen litt, an Erschöpfung und der Unfähigkeit, Töne und Rhythmen wiederzugeben, war dieser Wald am Horizont tatsächlich das letzte Refugium, das er im Leben hatte.

Und auf diesen Wald schallen nun seine Kompositionen hinaus: Junge Musikstudenten haben sich eingefunden, um zu seinem Geburtstag blechblasend vom Balkon und im Streichquartett aus seinem Schlafgemach bei offenem Fenster zu musizieren. Die Klänge aus dieser pittoresken, fast englisch anmutenden Parklandschaft habe ich noch im Kopf, als mich die pulsierende Metropole Paris schon längst wieder umfangen hat.

© Stefan Franzen

alle Fotos © Stefan Franzen