Zu früher Abschied eines Trösters

Foto: Sven-Sebastian Sajak, Creative Commons

Mit Tränen in den Augen stand ich ziemlich genau vor 10 Jahren in einem Park eines großen deutschen Musikfestivals und hörte dem finalen Künstler zu. Eine Herzensangelegenheit war nicht gut ausgegangen, das hatte sich erst ganz frisch wie Blei auf die Seele gelegt. Doch ich hatte Glück: Für mich – und für ein paar Tausend andere – stand der beste Tröster gebrochener Herzen auf der Bühne, den man sich denken kann. Heute Morgen ist dieser Mann nun gestorben, mit nur 56 Jahren, bei einem Verkehrsunfall bei Dublin. Ein Schock, der noch in mir steckt.

Glen Hansard nahm ich zum ersten Mal wahr, als er noch eine lange rote Lockenmähne hatte, ohne überhaupt seinen Namen zu kennen. Er war 1991 der Rhythmusgitarrist der Commitments. Die Geschichte über diese einzigartige Soulband aus Dublin haben wir als Studenten gefühlte mehrere hundert Male im Uni-Kino gesehen. Später, jetzt schon mit kürzeren Haaren und Bart, war er im Streifen Once – wie in seiner eigenen Biographie – der Straßenmusiker auf der Grafton Street, auf der ich selbst in den Neunzigern lauschend so manche folkverrückte Stunde während Interrail-Touren verbracht habe. Die Pärchengeschichte mit der Tschechin Markéta Irglová fand ich etwas gewollt LowFi-kitschig, den Hit daraus, „Falling Slowly“ eher weinerlich. Und ganz ehrlich: Er war wirklich schrecklich weinerlich.

Doch dann schloss sich Hansards Solo-Karriere an, und auf fünf Platten verband er seine soulig-bluesige Grundtendenz mit feinsten  folkigen Songwriting-Künsten und grandiosen Rock-Ausbrüchen zu einer fantastischen Klangsprache. Spätestens seit dem zweiten Album Didn’t He Ramble (2015) war ich im verfallen. Mit einer Stimme, wie sie in ihrer bärbeißigen Verletzlichkeit wohl nur aus einer irischen Kehle kommen kann, sang er von geographischer und gefühlsmäßiger Rastlosigkeit, vom Hoffen auf Herzwärme für alle Enttäuschten, vom Heilen durch Zeit für alle Geduldigen. Und das manchmal mit Spott und sanftem Sarkasmus, viel öfter aber mit tiefem Mitgefühl, etwa in seinem Magnum Opus aller Zeiten, „My Little Ruin“, seine Hymne auf einen Freund, der die Scheiße einfach immer wieder zuverlässig magisch anzieht.

In meiner Rezension des Albums Between Two Shores schrieb ich 2018: „Wenige … finden so treffende Worte für das, was ein Mann fühlt, wenn er auf dem Abstellgleis der Gefühle darbt. Vier Textzeilen reichen ihm aus, um in „Wreckless Heart“ das ganze Drama des Verlassenseins zu skizzieren, und die Horns sind dabei seine Trauerkapelle. In der großartigen Hymne „Heart‘s Not In It“, die sich mit leuchtenden Streichern immer räumlicher entfaltet, fordert er verzweifelt mehr Engagement von ihr und das Ende halber Sachen. Selbstironisch gibt er in „Lucky Man“ zu swingendem Bläsersatz zu, dass die Verflossene immer noch eine erotische Faszination auf ihn ausübt, und er wünscht seinem Nachfolger viel Glück, denn auch er wird sie nicht auf Dauer binden können.“

Hansard selbst hatte vor kurzem dauerhafte Bindung gefunden, 2022 war er Vater geworden. Umso tragischer in diesem späten Familienglück nun sein früher Unfalltod. Da wiegt es im Vergleich unendlich weniger schwer, dass er uns nun live nicht mehr trösten kann (mein letzter Konzertbesuch mit meinem guten Kumpel HP liegt bereits achteinhalb Jahre zurück), uns bleiben seine Werke. Der zurückbleibenden Mutter und seinem kleinen Sohn schicke ich Kraft und Licht. An diesem Hitzetag ist es mit seinem Tod der Musikwelt merklich klammer ums Herz geworden.

© Stefan Franzen

Glen Hansard: Live In Rudolstadt 2016
Quelle: youtube