
Seu Jorge
The Other Side
(Amor In Sound)
Whisky reift sechzehn Jahre. Aber ein Album? Klingt rekordverdächtig, doch die lange Entstehungsgeschichte hat sich gelohnt: „The Other Side“ (Amor In Sound), das neue Werk des Brasilianers Seu Jorge, ist ein ganz großer Wurf, der auch einen großflächigen Sound braucht. Der Engländer sagt „cinematic“ dazu, und das passt ja auch bei diesem Mann, der seit seiner Rolle in „Cidade De Deus“ (2002) mindestens ebenso Leinwandheld wie Musiker ist. „The Other Side“ entstand in L.A. im engen Austausch mit Produzent Mario Caldato Jr. (Beastie Boys) und ist getränkt von einer süffigen, räumlichen Streicher-Ästhetik, wie sie ihn in den 1970ern in Brasilien etwa ein Artur Verocai gepflegt hat.
Vom ersten Moment mit „Crença“ wird man in diese Traumsphäre hineingezogen, wenn Seu Jorge zu schwülen Geigenoktaven und Orgel-Hicksern seinen charismatischen Reibeisen-Bariton ins Spotlight stellt. Aus der träumerischen Herbsthymne „Vento De Maia“, ein Duett mit Maria Rita, der Tochter von Elis Regina, die es einst selbst sang, wird ein erschütterndes Drama, flankiert von flirrenden Tremoli und Bläserfanfaren. Den einstigen Psychedelic-Soulkracher „Girl You Move Me“ wandelt er zu balladesker Orchestergrandezza. Leichtfüßig tänzelnde
Samba-Interludien wie etwa „Quando Chego“ mit Marisa Monte bilden das notwendige Gegengift zum Breitwandigen. Ein klein wenig beliebig mit Sonnenuntergangs-Romantik wird es ausgerechnet mit Gastsängerin Marie Deaulne von Zap Mama – was aber wieder wettgemacht wird durch die coole Erotik-Bossa an die „Beleza Bárbara“, demütiges Bekenntnis eines Verfallenen.
© Stefan Franzen
Seu Jorge: „The Other Side“
Quelle: Bandcamp