Beherzte Kämpferin: Zum Tod von Maria Helena Afonso

Foto: privat

Letzte Woche erreichte mich eine sehr traurige Nachricht: Maria Helena Afonso, die Tochter des portugiesischen Liedermachers José „Zeca“ Afonso, ist nach langer Krankheit verstorben. Die Bekanntschaft mit Lena zählte für mich zu den eindrücklichen, anregenden und herzenserwärmenden Begegnungen der letzten Jahre. Das Erbe ihres Vaters, bis heute musikalische Nationalikone der Nelkenrevolution Portugals, hat sie auch Jahrzehnte nach seinem Tod mit ihrer engagierten, kämpferischen und liebenswürdigen Art für viele lebendig erhalten und die Bedeutung seines Schaffens für unsere Zeit herausgearbeitet.

2021 begann die portugiesische Plattenfirma Mais 5 mit ihrem Chef Nuno Saraiva, das Werk José Afonsos neu aufzulegen und damit für eine neue Generation zu erschließen. Lena selbst und ihre Halbgeschwister Pedro und Joana unterstützten das Vorhaben. Vom Schweizer Radio SRF 2 Kultur bekam ich das OK, eine 60minütige Sendung in der Reihe „Passage“ über Afonso zu produzieren. Wer könnte mir helfen, diese Sendung mit O-Tönen lebendig zu gestalten? Ich erfuhr, dass Afonsos Tochter Helena schon lange in Berlin lebte. Als Familienmitglied würde sie eine politische und persönliche Zeitzeugin aus erster Hand sein. Über die deutsche Mais 5-Promoterin Constanze Pfeiffer konnte ich schnell einen Kontakt herstellen und Helena war sofort bereit für ein Interview.

In Berlin traf ich im Herbst 2022 auf eine sehr sympathische, offene und hellwache Frau. Während eines mehrstündigen Interviews in einem unbeheizten Studio ließ sie die Biographie ihres Vaters so lebendig vor meinen Augen und Ohren erstehen, dass ich mich fühlte, als erlebte ich die 1960er und 1970er live mit. Lena, die ihren Vater wie alle Portugiesen schlicht „Zeca“ nannte, charakterisierte ihn so: „Er war tatsächlich immer in Bewegung, immer am Laufen, ein unruhiger Geist, er hatte das ganze Land kennengelernt, Norden, Süden, zum Schluss den Algarve. Er wollte einfach zeigen, dass das Land einen sehr unterschiedlichen Reichtum an traditioneller, an ethnischer Musik hatte und nicht nur den Fado als Export.“ Sie entwickelte seine gesamte bewegte Vita für mich, von seinen frühen Reisen im Land, wo er Musik aus allen Traditionen sammelte hin zu seiner Zeit in Angola, wo er als Lehrer von der Geheimpolizei überwacht wurde.

Vor allem aber zog mich Lena mit ihren hautnahen Schilderungen über die letzten Tage der Diktatur in den Bann, und die Rolle, die der hochpolitische José Afonso mit seinen kritischen, metaphernreichen Liedern im Widerstand spielte, der am 25.4.1974 zum Sturz des faschistischen Regimes führte. „Die Macht seiner Musik war nicht zu kontrollieren, trotz strengsten Verbots und Zensur“, sagte sie. Sie verschwieg auch nicht, wie er einige Jahre nach der Nelkenrevolution enttäuscht von den politischen Entwicklungen war, trotzdem gegen die Apathie ankämpfte. „Gegenüber uns Kindern hat er gesagt: Sucht keine Entschuldigungen, um nichts zu machen! Tatsächlich hat er bis zu seinem Tod immer, immer den Mund aufgemacht, bis es ihm seine Krankheit nicht mehr erlaubte.“

Auch Lena, die seit einigen Jahren unter schwerer Krankheit litt, hat weiterhin den Mund aufgemacht, versuchte mit Kontakten in die Kultur- und Theaterwelt, in der Zusammenarbeit mit Fernsehsendern und dem Goethe-Institut Lissabon immer noch etwas zu bewegen in einem Portugal, das nun auch wieder nach rechts driftet. Sie war für ihre letzte Lebensphase zurückgekehrt, und auf dem Weg dorthin durfte ich sie auf der Durchreise in Freiburg nochmals treffen. Wir konnten bei einer vietnamesischen Suppe an unsere telefonischen Diskussionen anknüpfen. Lena war aufgebracht und erschüttert über die neuen faschistischen Umtriebe in Portugal und Europa, über den Gaza-Krieg, über die Gleichgültigkeit und Empathielosigkeit vieler Menschen. Aber sie hatte auch Hoffnung, das Zecas Erbe weiter einen Beitrag zu einer friedvollen Zukunft leisten kann: „Zeca ist eine Figur, die in den Geschichtsbüchern steht, das heißt, sie lernen in der Schule über Zeca. Und viele haben Eltern, die eine große, große Verbindung zu Zeca haben. Großeltern, Väter und Mütter erzählen ihren Kindern von ihm. Viele neue Musiker entdecken mit Begeisterung Zeca. Da habe ich keine Angst davor: Die Musik wird bleiben.“

Die Serie der Wiederveröffentlichungen der José Afonso-Werke auf Mais 5 war noch nicht lange abgeschlossen, als die Meldung von Lenas Tod kam. Mit ihr, genau wie mit ihrem Vater, haben wir einen Menschen verloren, der mahnend und beherzt für ein lebenswertes, humanistisches Umfeld der Vielfalt und Gleichheit für alle eintrat. In der Welt des Jahres 2026 wird Lena uns schmerzlich fehlen.

Stefan Franzen

Die SRF 2 Kultur-Sendung mit Maria Helena Afonso zum Nachhören:
José Afonso – musikalischer Pionier zwischen Poesie und Politik – Audio & Podcasts – SRF

José Afonso: „Venham Mais Cinco“ (ao vivo no Coliseu)
Quelle: youtube

Azorisches Tribut

Am 25. April 1974 jährte sich Portugals Nelkenrevolution zum 50. Mal. In der Nacht zuvor begann die Befreiungsarmee ihre Fahrt auf Lissabon, um der längsten faschistischen Diktatur, die Europa erlebt hatte, ein Ende zu setzen. Aufbruchssignal für den Sturz der Faschisten war ein Lied, das im Radio gespielt wurde: „Grândola, Vila Morena“ aus der Feder des Liedermachers José Afonso.

Bis heute ist der politisch aktive Sänger, den man in der Heimat liebevoll „Zeca“ nennt, eine ikonische Figur der portugiesischen Geschichte. Herzstücke aus seinem reichen LP-Katalog sind in den letzten Jahren auf dem Label Mais 5 (sprich: maisch sinku) wiederveröffentlicht worden. Zum krönenden Abschluss dieser gewaltigen Unternehmung hat Mais 5 nun anlässlich des runden Jubiläums der Revolution auf Initiative von Afonsos Sohn Pedro ein besonderes Projekt aufgegleist: Man brachte Musikerinnen und Musiker aus Portugal, aus Angola, Mosambik, Asturien und von den Azoren zusammen, um Zecas Erbe ins 21. Jahrhundert weiterzutragen. Mit den „Wanderer Songs“ feiert diese pan-lusitanische Band mit einer audio-visuellen Show und auf Tonträger die Klassiker seines Schaffens – in einer komplett neuen, aufregend zeitgemäßen Tonsprache.

Warum „Wanderer Songs“?

„Er war tatsächlich immer in Bewegung, immer am Laufen, ein unruhiger Geist“, sagt Tochter Lena Afonso, die viele lebendige Erinnerungen an ihren Vater hat. „Er hat dabei das ganze Land kennengelernt, vom Norden bis zur Algarve im Süden. Deswegen sagt man in Portugal sehr häufig: Zeca: Andarilho (Wanderer) und Sänger.“ José „Zeca“ Afonso: ein Rastloser, der alle Facetten der Volksmusik seines Landes erforschte, auch in den Kolonien auf die Suche der Klangvielfalt ging, all dies in seine Lieder einfließen ließ. Und der sich auf der anderen Seite unermüdlich gegen Faschismus und für Menschlichkeit einsetzte, dieses unerschrockene Engagement mit Schikane, Zensur, Verfolgung durch die Geheimpolizei und Haft bezahlte.

All diese Facetten einer spannenden Persönlichkeit arbeitet die „Wanderer Songs“-Band heraus. Sie entwickelte neue, dem 21. Jahrhundert gemäße Versionen der Afonso-Lieder, die nun von einem kraftvollen, manchmal experimentellen Indie-Rock-Sound getragen sind, parallel hierzu afrikanische und azorische Einflüsse erkennen lassen. Nach zwei Wochen Probezeit im April 2024 trat die Band im Teatro Faialense auf der Azoren-Insel Faial auf und spielte die Songs, die Afonso auch in seinem letzten Konzert im Lissabonner Coliseu am 29. Januar 1983 vor einem enthusiastischen Publikum vortrug. Nach ihrem Debüt auf der Atlantikinsel war die Band im vergangenen Sommer bereits auf dem Rudolstadt Festival zu hören, am 22. und 23. Januar 2025 folgten umjubelte Auftritte im Mutterland, in der Casa da Música in Porto und im Teatro Tivoli BBVA in Lissabon. Jetzt gehen die „Wanderer Songs“ hinaus in die Welt.

Dies geschieht in einem Moment, in dem sich erschreckend große Teile der Welt gegen Demokratie und Humanität und für die Verbreitung von Lüge und Hass entscheiden. Mehr denn je gilt es, sich in Europa und weltweit für die Ideale von „Zeca“ Afonso und der portugiesischen Revolution einzusetzen. Diese Musik erinnert uns machtvoll daran und macht uns Mut, denn ihre Botschaft ist: Wir sind nicht ohnmächtig.


Die Musiker

Die aus Mosambik stammende Sängerin Selma Uamusse ist eine der vielseitigsten afro-portugiesischen Stimmen unserer Zeit. Ihr Aktionsradius reicht vom Jazz über viele Teamworks in der Pop- und Songwriter-Szene bis zum Theater. In ihrer Solo-Arbeit beschäftigt sie sich in zeitgenössischer Art und Weise mit ihren Wurzeln, singt in mosambikanischen Idiomen und kombiniert den Klang traditioneller Instrumente mit Elektronik.

Seit einem Jahrzehnt steht PS Lucas für eine feinsinnige Songwriting-Kunst. Der von den Azoren stammende Musiker hat dabei eine Sprache entwickelt, die vom Wechselspiel zwischen Licht und Schatten, zwischen Ozean und Land, zwischen Stille und Eruption lebt. In seinen Liedern finden sich Echos von Leonard Cohen über Nick Drake bis Georges Brassens.

Den Angolaner Nástio Mosquito kann man einen wahren Multimedia Artist nennen. Er vereint die Eigenschaften eines Sängers, Schauspielers und Moderators, arbeitet mit Klang, Video und Installationen, verknüpft als unberechenbarer, provokanter Performer Tradition mit Futurismus. Seine Shows waren bereits im New Yorker MoMA und der Londoner Tate Gallery zu sehen.

Seit den 1990ern trägt Nacho Vegas prominent zur musikalischen Independent-Bewegung der iberischen Halbinsel bei. Als Vertreter der nordspanischen Region Asturien beweist er, wie grenzübergreifend wichtig José Afonsos Arbeit war und ist. Vegas zeigt in seinen Werken eine breite Palette von Inspirationen vom spanischen Alternative-Rock bis zur chilenischen Liedermacherin Violeta Parra.

Das portugiesische Duo Lavoisier (Roberto Afonso und Patricia Relvas) folgt dem Geist des Tropicalismo der späten 1960er, der brasilianische, europäische und US-Einflüsse „fraß“, um daraus neue Klangcollagen zu gebären. Ebenso orientieren sich die beiden Musiker an der Arbeit von Michel Giacometti, der zur gleichen Zeit wie die Tropikalisten in Portugal die traditionelle Musik der Regionen dokumentierte. Aus diesen Quellen schaffen sie eine neue, unerschrockene Musik mit historischer Erdung.

Tiago Correia-Paulo komplettiert das „Wanderer Songs“-Line-Up: Der Mosambikaner ist Musical Director der Band und steuert als Multiinstrumentalist E-Gitarren, Drums und Synthesizer-Spuren bei.

 

Einige Songs

– „Balada De Outuno“: Diese „Herbstballade“ stammt aus Zeca Afonsos Frühwerk und ist im Original noch vom höfischen Ton des Fados der Stadt Coimbra getragen. Afonso betrauert hier das Versiegen seiner Stimme, und die Trauer spiegelt sich im Weinen der Flüsse. In ihrer Adaption machen Selma Uamusse und Patricia Relvas zum Auftakt der „Wanderer Songs“-Show aus der Klage einen Kampfruf im rockigen Gewand.

– Venham Mais Cinco“: Ein halbes Jahr vor der Nelkenrevolution veröffentlichte José Afonso dieses übermütige Lied. In jeder Zeile lässt sich die Aufbruchsstimmung eines Volkes hören, das sich geeint gegen die Diktatur stellt, im „Tiririri“-Refrain kündigen sich schon prophetisch die fröhlichen Feiern nach der Befreiung an. Patricia Relvas und die Band wandeln den Klassiker in eine unbändige Afro-Tanzhymne, die in ein großartiges Rock-Finale mündet.

– „Milho Verde“ ist eines jener ikonischen Stücke, für die sich Zeca Afonso von der portugiesischen Folklore inspirieren ließ. Eingebettet in romantische Naturszenerie wird hier mit dem für den Alentejo typischen mehrstimmigen Gesang von neckischen Schäferstündchen erzählt. Die spielerische Atmosphäre weitet sich bei der „Wanderer Songs“-Band zu einem kraftgeladenen Popsong.

– „A Morte Saiu À Rua“: Dieses Lied schrieb José Afonso für den im Widerstand tätigen bildenden Künstler Dias Coelho. Die Geheimpolizei PIDE hatte ihn 1961 auf offener Straße ermordet. Im Dialog mit den E-Gitarren von Tiago Correia-Paulo und PS Lucas schwingt sich Selma Uamusse zu einer bitteren Anklage gegenüber faschistischer Gewalt empor.

– Redondo Vocábulo“: Eines seiner stärksten Lieder überhaupt schrieb Zeca über seine Einzelhaft im Gefängnis von Caxias. Die Worte beschwören die klaustrophobische Atmosphäre der Zelle herauf. Im treibenden Arrangement der „Wanderer Songs“-Band ist der ungebrochene Trotz des politischen Häftlings eingefangen, die fast tribalen, ekstatischen Vokallinien durchbrechen selbst Gefängnismauern.

– „Vampiros“ entwirft ein scharfzüngiges Bild des Unrechtsstaates und ist damals wie heute gültig. Die Machthaber werden gezeichnet als blutsaugende, alles auffressende, gesetzeslose Gewaltherrscher. Uamusse, Vegas und Relvas haben das Schreckensszenario in einen eindrücklichen Sprechgesang transferiert. Ein zeitloses Manifest gegen politische Willkür und Machtmissbrauch.

© Stefan Franzen

Wanderer Songs: „Venham Mais CInco“
Quelle: youtube

50 Jahre Nelkenrevolution – Die politische Poesie von José Alfonso

Foto: Nick Boothman

Heute darf ich auf die Musikpassagen von SWR Kultur hinweisen, die zum 50. Jahrestag der portugiesischen Nelkenrevolution nochmals meine Sendung über den Liedermacher José Afonso ausstrahlt:

SWR Kultur – Musikpassagen
Donnerstag, 25.04.2024 – 20h03-21h
„50 Jahre Nelkenrevolution – Die politische Poesie von José Alfonso„

von Stefan Franzen

Sein Lied „Grândola, Vila Morena“ gab am 25. April 1974 das Startsignal für die Nelkenrevolution. Für viele Portugiesen ist José Afonso eine der wichtigsten Persönlichkeiten des Landes. Nun wird sein Werk auf dem eigens gegründeten Verlag Mais 5 neu aufgelegt.

Lehrer, Sänger, Antifaschist – die biographischen Facetten des 1987 verstorbenen Liedermachers sind vielfältig. Mit bildreicher Poesie kämpfte er gegen die Diktatur, wurde zum Sprachrohr der Arbeiter und Studenten, zur Ikone des Neubeginns. Seine Musik gilt als pionierhaft: Sie vereint Volksliedtraditionen mit afrikanischen Einflüssen, eine ausdrucksstarke Stimme mit spannenden Arrangements. Im Gespräch mit Afonsos Tochter Helena und dem Musikproduzenten Nuno Saraiva sowie anhand seiner musikalischen Meilensteine zeichnet Stefan Franzen das Bild eines Mannes, der mit seinem humanistischen Ansatz wieder hochaktuell ist.

José Afonso: „Venham Mais Cinco“
Quelle: youtube

Die Musik der Morgenröte

Foto: Nick Boothman

Heute darf ich euch auf eine Passage im Schweizer Rundfunk hinweisen, in der es um den portugiesischen Liedermacher José Afonso geht:

SRF 2 Kultur – Passage
Freitag, 13.01.2023 – 20-21h
José Afonso – musikalischer Pionier zwischen Poesie und Politik

von Stefan Franzen

Sein Lied „Grândola, Vila Morena“ gab am 25. April 1974 das Startsignal für die Nelkenrevolution. Für viele Portugiesen ist José Afonso eine der wichtigsten Persönlichkeiten des Landes. Nun wird sein Werk auf dem eigens gegründeten Verlag Mais 5 neu aufgelegt.

Lehrer, Sänger, Antifaschist – die biographischen Facetten des 1987 verstorbenen Liedermachers sind vielfältig. Mit bildreicher Poesie kämpfte er gegen die Diktatur, wurde zum Sprachrohr der Arbeiter und Studenten, zur Ikone des Neubeginns. Seine Musik gilt als pionierhaft: Sie vereint Volksliedtraditionen mit afrikanischen Einflüssen, eine ausdrucksstarke Stimme mit spannenden Arrangements. Im Gespräch mit Afonsos Tochter Helena und dem Musikproduzenten Nuno Saraiva sowie anhand seiner musikalischen Meilensteine zeichnet Stefan Franzen das Bild eines Mannes, der mit seinem humanistischen Ansatz wieder hochaktuell ist.

José Afonso: „Venham Mais Cinco“
Quelle: youtube

Ein Vermächtnis, neu aufgelegt

Er lieferte 1974 mit „Grândola Vila Morena“ der Nelkenrevolution, die sich heute zum 48. Mal jährt, ihre Erkennungsmelodie, und er ist in Portugal mindestens ebenso signifikant für die Musikgeschichte wie Amália Rodrigues: der Liedermacher José Afonso. Mit kunstvollen Metaphern und Wortspielen sowie beißender Kritik waren seine Texte gespickt, der Diktatur war Afonsos Einsatz für Menschenrechte und Demokratie ein Dorn im Ohr, er kam dafür mehrfach in Haft. Das Label Mais 5 (Broken Silence) veröffentlicht den Katalog des 1987 Verstorbenen nun im CD- und LP-Format neu in Portugal, vier der in den Soundgarden Studios Hamburg remasterten Alben aus den Jahren 1968-70 liegen nun auch schon als CD und LP in Deutschland vor.

Es ist frappierend, mit wie wenig Mitteln, nämlich ausschließlich Begleitung durch Akustikgitarren, Afonso auf „Cantares Do Andarilho“ und „Traz Outro Amigo Tambem“ die Folklore der portugiesischen Regionen und der Azoren, die bei uns quasi unbekannte Fado-Tradition Coimbras, afrikanische Anklänge und Gedichtvertonungen von Camðes zu zeitlosen Songminiaturen umformt. Seine Stimme mit dem typischen rasanten Zittern klingt dabei fast höfisch, mal zärtlich in einem Wiegenlied, mal fordernd und pathetisch, wenn es politisch wird. Mehr instrumentale Varianz gibt es auf „Contos Velhos, Rumos Novos“: Hier kommen Hörner, Cavaquinho, Marimba und Perkussion ins Spiel. Bis dann auf „Cantigas Do Maio“ sein volles Potenzial mit räumlicher Studioproduktion, großartigen Chorsätzen und einfallsreichen Bläser-Interludien erblüht: In Klassikern wie „Maio Maduro Maio“ oder „Mulher Da Erva“, und natürlich in „Grândola…“ ist die Aufbruchsstimmung eines neuen Portugals hier schon greifbar. Kleiner Wermutstropfen: Gewünscht hätte ich mir bei dieser aufwendigen Re-Issue-Serie Übersetzungen.

José Afonso: „Traz Outro Amigpo Tambem“
Quelle: youtube