Es könnte das wichtigste Projekt der kurdischen Musikhistorie werden, denn hier werden die erzwungenen Grenzziehungen der Türkei, des Irak und Iran überwunden, indem gemeinsames Klangerbe neu auskundschaftet wird. Doch was musikalisch auf Kobane passiert, ist völlig unabhängig von dieser Relevanz noch weitaus bewegender. Ohne Zweifel wurde die Musik Kurdistans mit all ihren Facetten noch nie in einer so fantastischen, zeitgenössischen Dramaturgie präsentiert. Die Stücke, die teils in die Ära des Mitras- und Zoroaster-Kults zurückweisen, gestaltet das Sextett um den künstlerischen Leiter und Perkussionisten Hussein Zahawy in Suiten mit Schalmei, Spießgeige, Langhalslaute, Santur und mächtigen Unisono-Chören, mitreißend und galoppierend oder von tiefer Wehmut gezeichnet. Im Fokus die nie artifizielle, immer sehr volksnahe Stimme von Donya Kamali, die von der zerstörten Stadt Kobane berichtet, von metaphernreichem Liebespreis und der lebensspendenden Kraft der Sonne.
Juliette Gréco „Les Enfants Qui S’Aiment“ (Jacques Prévert/Joseph Kosma) (aus: St. Germain Des Prés, 1956)
Verlässlich zu sagen, welches das allererste Lied war, dass einen als Kind bewusst gefangen genommen hat, ist nahezu unmöglich. Doch ich bin mir sicher, dass „Les Enfant Qui S’Aiment“ auf mich als Vier- oder Fünfjährigen bereits einen nachhaltigen Eindruck gemacht hat.
Joseph Kosma hat die Verse von Jacques Prévert für den Film Les Portes De La Nuit (1946) vertont, auch das weitaus bekanntere „Les Feuilles Mortes“ (ebenfalls mit Versen von Prévert) kommt in diesem Streifen vor. Während „Les Enfants…“ in diesem Film von Fabien Loris zu einer Akkordeon-dominierten Begleitung gesungen wird, gibt es auch eine Version von Yves Montand, der sich nur zur Gitarre begleitet. Ein Jahrzehnt nach dem Film veröffentlichte Juliette Gréco ihre Interpretation mit dem schillernden Orchester von André Grassi, in ihrem Konzertrepertoire hatte sie es aber schon einige Jahre zuvor, und mit Pianobegleitung gibt es eine Aufahme für die italienische RAI von 1953.
Ich denke, was mich als Kind so beeindruckt hat, war das Zusammenspiel dieser dunklen Stimme mit den reichen Orchesterfarben aus der 1956er-Version. Die abgrundtief traurigen Streicher im Intro, die Harfe und die Celesta, auf die die fernen Bläser folgen. Und dann der Einsatz von Gréco, die mit einer Mischung aus herrischer Strenge und warmherzigen Pathos singt. Ich kann mich erinnern, wie mich die zweifach wiederholte Passage „Et C’est Seulement Leur Ombre..“ und „Ils Ont Ailleurs…“ in den Bann gezogen hat: Dieses Innehalten des ganzen Orchesters, während die Geigen zittern wie Espenlaub und dann am Ende gleißende Farben malen zu den glühenden Hochtönen der Sängerin, und wie dann alles auf dem Wort „éblouissante“ mit Harfengirlanden kulminiert. Auch die Dur-Lösung am Ende mit der verlorenen Flöte fand ich sehr geheimnisvoll.
Dass es in dem Chanson um die Sphäre der kindlichen Unschuld geht, wusste ich damals natürlich nicht, ist aber eine schon fast unheimliche Koinzidenz. Juliette Gréco, die im letzten Jahr ihre Auftritte absagen musste und der es offensichtlich gar nicht gut ging, will nun 2017 wieder zurück auf die Bühne. Die Frau, der ich zwei Mal im Leben begegnet bin – einmal geplant, einmal ungeplant – wird heute 90 Jahre alt. Bon anniversaire, Madame!
Juliette Gréco: „Les Enfants Qui S’aiment“
Quelle: youtube
Der Wunderknabe ist nach Hause zurückgekehrt: Nach Ausflügen in Dubstep, Rock und Electronica findet der armenische Pianist Tigran Hamasyan neue Inspiration in seinen Wurzeln: Voriges Jahr noch mit liturgischer Musik aus fünfzehn Jahrhunderten und einem Kammerchor aus Eriwan. Auf Ancient Observer, seinem im März erscheinenden Album (31.3., Warner) noch introspektiver, solo am Piano. „Fides Tua“ ist ein erster Eindruck. In diesen Tagen hilft der Glaube an die Kraft der Töne.
Dass nun ein Sexist und Rassist an der Spitze der USA steht, könnte einen verzweifelt und hilflos machen, nicht mehr an demokratische Institutionen glauben lassen. Dass gleichzeitig in den Staaten aber kritische Medien einen verstärkten Zuspruch erfahren, nährt einen Funken Hoffnung, dass türkische oder russische Verhältnisse dort noch abzuwenden sind. Wir Journalisten dürfen vor Größenwahn und Dummheit kein Haar breit zurückweichen – dazu gehört auch, dass wir immer wieder über Künstlerinnen und Künstler berichten, die mit Herz, Mut und Verstand für all das stehen, was das neue Individuum im Weißen Haus bekämpfen möchte.
Emel Mathlouthi ist eine solche Künstlerin.
Vor genau sechs Jahren stand sie auf der Avenue Bourguiba in Tunis und half mit ihrem Gesang, den Diktator Ben Ali zu stürzen. Ihr Song „Kelmti Horra“ wurde zur Hymne der jungen Generation. Im Film „No Land’s Song“ war sie Teil der Band, die unter Leitung der Iranerin Sarah Najafi dafür kämpfte, im Gottesstaat eine Konzerterlaubnis auf öffentlicher Bühne für Frauen durchzusetzen. Heute lebt die musikalische Heldin der Jasminrevolution in New York. Das Vokabular des neuen Präsidenten erinnere sie an das der ehemaligen tunesischen Führung, sagte sie in einem neuen Gespräch mit pitchfork.
Auf ihrem zweiten Album Ensen pflegt Mathlouthi einen Electro-Sound, der eher kosmopolitisch denn arabisch ist. Das Werk wurde unter anderem vom Sigur Rós-Produzenten Valgeir Sigurðsson betreut. Ihre Stimme faltet Mathlouthi von zerbrechlichem Sopran bis zu suggestivem Dräuen in hymnischen Chören auf. Rhythmische Impulse kommen zwar auch mal von traditionellen Lauten-Riffs oder rauchiger Flöte, vielmehr aber von scharfkantiger, martialischer Perkussion, und Keyboards von kühlem bis verzerrtem Zuschnitt füllen die Textur. In „Ensen Dhaif“ singt sie vom Kampf gegen die Hoffnungs- und Hilflosigkeit, die einen wie ein Tier anfallen kann, „Princess Melancholy“ könnte tatsächlich aus dem frühen Björk-Katalog stammen. Ensen wird in Deutschland am 24.2. veröffentlicht, unten ein Vorgeschmack daraus. Hier ist nochmals mein Interview mit ihr aus dem Jahr 2015 nachzulesen.
Sophie Hunger „Z’Lied Vor Freiheitsstatue“ (aus: The Danger Of Light, 2012)
Diesen Song wollte ich eigentlich erst viel später in die (he)artstrings aufnehmen.
Doch er passt leider auf diesen Tag, an dem sich ein Teil der Welt durch das Dekret eines Dummkopfes endgültig von seinem nationalen Symbol verabschiedet.
„Die Freiheitsstatue ist sich ihrer ambivalenten Existenz bewusst, sie kann sich nicht bewegen und kann nicht sprechen“, sagt Sophie Hunger – und schrieb ihr einen inneren Monolog auf den Leib. „I han es Riesse, aber riesse chani nüt“, sagt die alte Dame zu sich. Rheumageplagt hat sie keinerlei Einfluss auf die Welt. Sie sehnt sich danach, ins Wanken gebracht zu werden, bietet sogar einen Tanz an, wenn sie nur von ihrem steinernen Sockel steigen könnte. „Oder bini ächt scho gstorbe?“, fragt sie sich.
Ihre Konzerte hat die Schweizerin früher oft mit diesem Song in einer Acappella-Version beschlossen. Mir gefällt die Studioversion mit den Gitarrenlinien des „Chili Peppers“ Josh Klinghoffer am besten. Von allen wunderbaren Liedern, die Sophie Hunger geschrieben hat, ist das vielleicht das Wunderbarste. Und leider passt es heute wohl wie kein anderes.
Sophie Hunger: „Z’Lied vor Freiheitsstatue“
Quelle: YouTube
Magdalena Ganter, der Name eurer Band ist sehr einprägsam, trotzdem wissen die Wenigsten, was sich dahinter verbirgt!
Ganter: „Mocke“ ist ein alemannischer Begriff für ein Stück, eine Einheit, und das Malheur ist ja im Französischen das Missgeschick. In der Kombination bekommt es bei uns aber eine etwas andere Bedeutung: ein schönes Missgeschick.
Auf eurem ersten Album Schwarzer Wald hast du noch Alemannisch gesungen, Riesen ist ausschließlich auf Hochdeutsch. Warum dieser Sinneswandel?
Ganter: Damals hat der Dialekt für mich Sinn ergeben, denn das war die Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln, die Besinnung auf die Herkunft, auch eine Art Verschlüsselung, da ich über die Region hinaus nicht verstanden wurde. Aber die nächste Stufe war: Hey, ich habe Lust verstanden zu werden und ich brauche mich nicht mehr verstecken. Denn jetzt fühle ich mich in Berlin angekommen, hier denke und schreibe ich auf Hochdeutsch. Es wäre ein Umweg, alles wieder ins Alemannische zu verpacken. Weiterlesen →
In „Hors Sol“ singen sie – begleitet durch ein eindrückliches Video – von der Entfremdung des Menschen von der Natur und dem Leben selbst. Von den Auswüchsen einer modernen Landwirtschaft, vom Einebnen der Gärten zu Rasen, von Bäumen die nur als schmückender Saum von Straßen funktionieren, vom Zwang der ständigen Hygiene. De Secco findet so auch Metaphern für die Entwurzelung von Menschen in der großen Flüchtlingstragik unserer Tage, Ein unglaublich starker Song, der Jahrhunderte alte Rhythmen als Basis ganz aktueller Verse nutzt.
Jane Siberry „Hockey“ (Jane Siberry) (aus: Bound By The Beauty, 1989)
Während der Winter ein kurzes Gastspiel in Mitteleuropa gibt, erinnere ich mich an einen meiner Lieblingssongs der späten Achtziger. Die kanadische Songwriterin Jane Siberry, heute leider ins etwas zu esoterische Fach abgedriftet, brachte damals ihr Magnum Opus Bound By The Beauty heraus. Im schönsten Song dieses Albums hat sie dem Nationalsport ihres Landes ein ganz ungewöhnliches Denkmal gesetzt: Hier geht es nicht um physische Härte, Bodycheck, böse Verletzungen und schnelle Pucks, sondern um sehr lyrisch ausgestaltete Sonntagsnachmittagserinnerungen auf dem Eis. Dort, wo das eigentliche Leben stattfindet. Dass sie dafür nur zwei Akkorde braucht, zeigt umso mehr ihre große Klasse.