Die schnellsten Hände der Welt


An Ostern startet das Festival Tamburi Mundi im E-Werk Freiburg in eine neue Ausgabe unter dem Motto „Simplicity“. Stargast ist der iranische Meistertrommel Mohammad Reza Mortazavi. Dem Mann aus Freiburgs Partnerstadt Isfahan, der schon lange in Berlin lebt, wird seit langer Zeit schon attestiert, er habe „die schnellsten Hände der Welt.“ Antworten von einem der führenden Perkussionisten unserer Zeit.

Mohammad, wer waren deine Lehrer, wem hast du am meisten zu verdanken, sowohl iranischen als auch internationalen Meistern?

Ich habe mit sechs Jahren angefangen zu musizieren, und mein Hauptlehrer war Hosseinpour Abutaleb, wobei ich auch einige Zeit bei Majid Hesabi Unterricht hatte. Meine ersten Lektionen erhielt ich nach der üblichen, traditionellen Methode. Doch im Laufe der Jahre, nach über 40 Jahren Spielen, habe ich erkannt, dass mein wahrer und ewiger Lehrer die Musik selbst ist – und es immer sein wird.

Wie unterscheidet sich dein Spiel auf der Rahmentrommel von der traditionellen Spielweise? Kannst du zwei bis drei Beispiele geben, welche Innovationen du für Daf und Tombak entwickelt hast?

Wie beim Tombak hat sich auch mein Spiel auf der Daf verändert, denn alles hängt in erster Linie von der Sichtweise und Konzentration des Spielers ab. Da mein Fokus und meine Aufmerksamkeit seit meiner Kindheit auf der Musik und nicht nur auf dem Instrument lagen, hatte ich die Möglichkeit, ohne jeglichen Druck, neue Techniken zu entwickeln. Musik ist unbegrenzt, kann aber ein begrenztes Instrument in ihre Unendlichkeit integrieren. Ein Beispiel dafür ist das gleichzeitige Spiel von poly-rhythmischen und polyphonen Strukturen auf diesen Instrumenten.

Gibt es noch traditionelle Rhythmen als Basis deiner Stücke oder hast du dich vollständig von ihnen gelöst?

Natürlich habe ich keinen Dogmatismus, dass traditionelle Rhythmen unbedingt gespielt werden müssen. Doch wenn es nötig ist, und diese Rhythmen tief in mir verwurzelt sind, nutze ich ihre Schönheit. Es sei darauf hingewiesen, dass das, was heute neu ist, wenn es wirklich neu ist, eines Tages zur Tradition werden kann. Wenn das, was wir als Tradition definieren, tief in uns verankert ist, verändert es automatisch seine Form. Aus dieser Perspektive war Dogmatismus gegenüber traditionellen Regeln für mich niemals akzeptabel. Aus einer anderen Sicht ist Musik Liebe, und Liebe kennt keine Grenzen.

Hast du die Techniken oder auch die Instrument selbst weiter entwickelt, oder arbeitest du mit einem bestimmten Instrumentenbauer zusammen?

Aufgrund meiner inneren Leidenschaft seit der Kindheit und aus der Verbindung zwischen emotionaler Wahrnehmung und Ekstase habe ich viele Techniken entwickelt. Dieser Prozess entstand ganz natürlich, von selbst und gewissermaßen selbstverständlich. Ich arbeite nicht mit einem bestimmten Instrumentenbauer zusammen. Viele der Instrumente, die ich in den Arm nehme, sind wertvolle Geschenke von verschiedenen Instrumentenbauern. Jedes Instrument ist – wie jeder Mensch – einzigartig und gibt mir unterschiedliche Inspirationen und Ideen für das Komponieren und Spielen.

Du hast den Iran verlassen, weil dein Spiel gegen die Regeln war. Was genau kritisierte man an deinem Spiel?

Da meine Musik mich über Grenzen hinausgeführt hat, gab es einerseits ein Publikum, das sehr glücklich über die neue Spielweise war, die sich gerade entwickelte und im Prozess der Weiterentwicklung befand. Andererseits wurde ich gleichzeitig von den meisten traditionellen Musikern und Meistern kritisiert – bis hin dazu, dass ich keine Genehmigung für meine Konzerte erhielt. Das geschah, obwohl ich wiederholt den ersten Preis beim nationalen Musikfestival im Iran gewonnen hatte. Damals war ich noch ein Kind bzw. Jugendlicher. Meine heutige Sicht auf Musik hat keinerlei Bezug mehr zu Wettbewerb – für mich ist alles relativ geworden.
Wichtig ist, dass mein Hauptproblem nicht nur die Regierung war, sondern auch eben jene traditionellen Meister, die einerseits unter jungen Menschen einen Anspruch auf Aufgeklärtheit erhoben, andererseits jedoch das Wachstum und die Innovation von Künstlern behinderten, deren Wege sie nicht befürworteten.
Außerdem ist es wichtig zu erwähnen, dass vor der Islamischen Revolution bereits eine kulturelle Revolution stattfand, die nach der Islamischen Revolution von diesen Künstlern unterstützt wurde. Doch Gesellschaft und Geschichte sind wach. Letztendlich bin ich sehr dankbar für all diese negativen Kritiken und für das Ausgeschlossenwerden in der Zeit, als ich im Iran lebte, denn genau das führte zu meiner Weiterentwicklung und zur Formung meines eigenen Spielstils – bis zu dem Punkt, an dem ich den Iran sowohl physisch als auch innerlich verlassen habe.

Was war das Wichtigste, was du nach deiner Emigration im Westen gelernt hast für die Weiterentwicklung deiner Musik?

Dass es überall Grenzen gibt und das Verständnis, dass Musik die vollkommenste Sprache ist.


Das Stück „Zendegi“ auf deiner neuen CD „Nexus“ („Verbindung“) ist inspiriert von der Frauenbewegung „Woman. Life, Freedom“. Es hat eine eher dunkle Atmosphäre. Erinnerst du damit an die mutigen Frauen?

Dieses Stück habe ich zu der Zeit komponiert, als diese Bewegung entstand, aber ich habe es nicht veröffentlicht, bis es mit dem Konzept des Albums „Nexus“ in Einklang stand.

Auch andere Stücke sind eher dunkel, wie zum Beispiel „Cendres Volantes“, wo im Hintergrund seufzende Frauenstimmen zu hören sind. Was war die Inspiration für dieses Stück?

Dieses Stück habe ich für einen Teil einer Oper in Frankreich komponiert, für eine Szene, die sich von Dunkelheit ins Licht bewegen sollte.

Die Musik ist teilweise experimentell und auch elektronisch gestützt. Wie lässt sich das auf der Bühne umsetzen? Arbeitest du mit einer Loop-Station?

Zurzeit komponiere ich meine Werke im Multitrack-Verfahren und akustisch-elektronisch. Auf der Bühne werden sie jedoch nur als Solo aufgeführt, und alle Klänge und Effekte werden direkt über das Instrument erzeugt.

In „Dornâ“ setzt du auch Geräusche der menschlichen Stimme ein, wie ein Schnarchen und Hauchen. Was steckt hinter diesem Stück?

In diesem Stück hat mich das Hören über Kopfhörer nach der Aufführung in einen Zustand von Geheimnis und Mysterium versetzt. Dieser Vogel vermittelt mir genau dieses Gefühl.

Das CD-Cover von Jordan Belson sieht sehr nach Science Fiction aus, was für mich sehr gut zu deiner Musik passt. Würdest du sagen, du bist ein „Trommelfuturist“?

Ich fühle mich glücklich darüber, dass mein Stil einen tiefen Einfluss auf unzählige Musiker auf der ganzen Welt hatte. Denn Liebe bedeutet Geben.

Glaubst du, dass sich für den Iran nach der Intervention der USA und Israel eine neue Perspektive eröffnen kann, und wie könnte diese aussehen?

Ich glaube, dass gemäß dem Gesetz der Proportionalität die iranische Gesellschaft nicht mehr zu ihrer Regierung passt, und ich bin sehr optimistisch, dass die Menschen eine positive Veränderung erleben werden. Die iranische Gesellschaft ist mehr als zuvor gewachsen, und ein Diktator passt nicht mehr zu ihr.

tamburimundi.com

Aufbruch im Iran

                                                             Samin Ghorbani, Ali Ghamsari, Mina Deris

Die Musikszene des Iran, sowohl in der Heimat als auch in der Diaspora, wird von einem frischen Wind durchweht. Junge Künstler betätigen sich dabei nicht unbedingt als Bilderstürmer, sondern versuchen die klassische Musik mit Detailarbeit zu verfeinern. Dabei werden vor allem die Frauen, die sich unter dem Regime täglich neue Freiheiten im kulturellen Leben erkämpfen müssen, immer sicht- und hörbarer.

Nach der erfolgreichen Erstausgabe im Frühjahr 2017 geht das Festival „Female Voice of Iran“ vom 8. bis 11. November zum zweiten Mal in der Berliner Villa Elisabeth an den Start. In Zusammenarbeit mit der Zeitgenössischen Oper Berlin hat die persische Musikologin Yalda Yazdani in vielen Regionen des Landes nach außergewöhnlichen, jungen Frauenstimmen gesucht, die jetzt an der Spree die Vielfalt des Irans auf musikalischem Wege präsentieren. Das stilistische Spektrum reicht von Klassik über Jazz und Fusion bis Folk.

Dabei ist die arabischstämmige Sängerin Mina Deris aus dem Grenzgebiet zum Irak, und mit Sahar Zibaei ist eine Vertreterin der kurdischsprechenden Metropole Kermanshah eingeladen. Turkmenische Facetten scheinen in der Vokalkunst von Jamileh Amaniyan auf, Samin Ghorbani bringt die Farben der aserbaidschanischen Grenzregion auf die Bühne, Atefeh Moghimi aus der Provinz Mazandaran im Norden. Außerdem ist mit Maedeh Tabatabaei Niya eine Stimme aus Isfahan dabei, Aida Norat, Maliheh Moradi Haghighi und Faravaz Farvardin ergänzen das Line-Up mit der Vielfalt der Szene Teherans.

Wenige Tage später, am 17.11., präsentieren sich mit Ali Ghamsari, dem Barbat Ensemble und Mohammad Reza Mortazavi männliche Vertreter des neuen Iran in einem Dreiergipfel in der Philharmonie Köln. Im Kern des Barbat Ensembles stehen die drei Brüder Mani, Nima und Pouya Khoshravesh aus der Mazandaran-Region Nordirans. Sie sind Neffen des berühmten Sängers Abolhassan Khoshroo, und sie stehen mit ihren Instrumenten, der Flöte Ney, der Langhalslaute Setar und der Spießgeige Kamancheh in einer Jahrhunderte langen Tradition. Alle drei tragen die Eigenheiten iranischer Musik aus dieser nördlichen Region in die Welt, leben seit einigen Jahren in Paris.

Die gleiche Philosophie verfolgt Ali Ghamsari: Der 34-Jährige Teheraner ist nicht nur einer der grandiosesten Virtuosen auf der Langhalslaute Tar in seiner Altersklasse, er hat durch die Gründung mehrerer neuer Ensembles und als Komponist für die persische Klassik ein Tor ins Zeitgenössische geöffnet. Seine Arbeit reicht von der mystischen Liedtradition bis zum Streichquartett, des öfteren arbeitet er auch mit der Sängerin Haleh Seyfizadeh zusammen.

Ali Ghamsari & Haleh Seyfizadeh live, Female Voice of Iran 2017
Quelle: youtube

Mohammad Reza Mortazavi schließlich setzt den eigenwilligsten Akzent auf diesen Gipfel der iranischen Jugend: Der Schlagwerker, dem vom ZDF-Kulturmagazin „Aspekte“ „die schnellsten Hände der Welt attestiert wurden, hat für Rahmen- und Bechertrommeln dutzendweise neue Schlag- und Fingertechniken eingeführt, schafft mit seinem Spiel eine polyphone, bilderreiche Trommelsprache mit Pop-Appeal.

Im Sommer 2019 werden noch mehr Facetten dieser Aufbruchsgeneration der persischen Musik in Deutschland zu erleben sein: Beim Rudolstadt Festival vom 4. bis 7.7. heißt der Länderschwerpunkt dann Iran.