Arabesque #13

OLYMPUS DIGITAL CAMERADas Abendrot über den Zinnen von Fès (inklusive unheimlicher Flugobjekte) mag darüber hinwegtäuschen. Doch ein mittelprächtiger Regenschauer von 45 Minuten hat das Festival kräftig durcheinander gewirbelt zu einer ganz besonderen Arabeske.

Nicht, dass Regen in Fès im Mai etwas völlig Absonderliches wäre, man hätte damit rechnen können. Aber man wollte es offensichtlich nicht. Der Schirm des Königshauses konnte da auch nichts mehr ausrichten. Und so musste im Garten des Batha-Museums das kurdische Payiz Ensemble mit seinen kostbaren Instrumenten wie die begossenen Pudel im Schauer spielen, während sich ihr Publikum – zu großen Teilen steinalte Franzosen – unter die Arkaden retten durfte. Unter großem Geklapper räumte man während des Konzerts die königlich roten Polsterstühle weg.

Das war in der großen Bab Makina-Arena nicht mehr gelungen. Nachdem das Publikum nach einer Stunde Wartens vor den Toren im Presswurstverfahren EInlass erhielt, musste es feststellen, dass auch royaler Plüsch sich nachhaltig vollsaugt. Pech für die schicken Abendroben der Damen und die schnieken Bügelfaltenhosen der Herren. Pech auch für den Journalisten, dessen dicker Stadtplan von Fès nur ein paar Minuten Distanz zwischen kühlem Nass und Sitzfleisch aufrecht erhielt.

Doch davon hätte es heute Abend viel mehr gebraucht. Denn zwischen 21h (offizieller Konzertstart) und 22h15 hörte man dem Soundcheck des tunesischen Stars Saber Rebai zu, der sich nicht merklich weiterentwickelte. Auch von einer angekündigten Fusion zwischen Bretonen und Marokkanern kein Tönchen.

Mit durchweichter Rückansicht und Geduld sowie sehr wenigen Takten Musik kommt der Reisende so zu einer unverhofft frühen Nachtruhe.

Das Foto des Tages gebührt den tapferen Kurden.
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Arabesque #12

OLYMPUS DIGITAL CAMERAVerloren in der Medina.

Freitagnachmittags ist eine gute Zeit, um die Medina von Fès zu erkunden. Die Läden sind geschlossen, mann weilt in der Moschee, ohne allzu viel Behelligung lässt es sich durch die verlassenen, abschüssigen Gassen streifen. Doch es gibt eben auch nicht viele Menschen, die einem aus dem Labyrinth wieder heraushelfen.

Sich eine Stunde lang ganz bewusst zu verirren in diesem größten Gewirr der islamischen Welt mit seinen gelben Trutzmauern (die dritte Medinafarbe nach Marrakech Lehmrot und Essaouiras Weiß) gleicht noch einem Abenteuer, ab der zweiten Stunde wird es mühsam.

19km Umfang hat dieser alte Teil von Fès angeblich, im Herzstück die Kairaouine-Moschee, in der 20.000 Gläubige Platz finden.
Die unmittelbare Wirkung dieser gigantischen Mausefalle ist eher beunruhigend denn faszinierend, starke Benzin- und Uringerüche umwehen den Verirrten, ab und an trifft man mal auf einen Schuhmacher oder einen Naschwarenhändler, die ihre Pforten nicht geschlossen haben, kichernde Mädchen, Fußball spielende Jungs. Selbst die dicken Regentropfen am Schluss der mäandernden Wanderung finden hier nur vereinzelt hinein.

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 alle Fotos © Stefan Franzen

 

 

Arabesque #11

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Ein wahrhaft majestätischer Auftakt des Festivals Musiques Sacrées in Fès:

Unter Anwesenheit der Königsgattin, Prinzessin Lalla Salma, ging soeben das Eröffnungsspektakel „Fès, à la quête de l’Afrique“ zu Ende. Auf den Spuren des 16. Jahrhundert-Geographen Hassan Wazan (Léon L’Africain), Sohn der Stadt Fès, zelebrierten 100 Musiker das Flechtwerk der arabischen Welt mit Schwarzafrika.

Eine schillernde Route von der arabo-andalusischen Tradition Nordmarokkos über die Berberklänge im Süden des Landes, hinein in die Sahara, mit den Griots von Timbuktu dem Niger entlang bis in den Senegal, wo die Löwen zum Beat der Sabas tanzten. Fast ein bisschen überambitioniert und akademisch in Szene gesetzt, aber zweifelsohne ein Spektakel für alle Sinne mit einem heimlichen Hauptdarsteller: dem großen Tor Bab Makina, das als funkelnde Landkarte und Kulisse diente.

Einige Impressionen – aufgenommen von den besten Plätzen, die man bei diesem royal beschirmten Ereignis der internationalen Presse zugestanden hat.

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 alle Fotos © Stefan Franzen

 

Arabesque #9

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEigentlich müsste es heute „Berberesque“ heißen.

Die zweifache Überquerung des Hohen Atlas ist ein Erlebnis für sich. Dichter Nebel auf der Nordseite, Steinwüste auf der Passhöhe und kochende Hitze im Süden – dazu ein Faltenwurf, der jedem Geologen Tränen der Rührung ins Gesicht treibt.

Und am Ende wartet Aït Ben Haddou – ein Ksar, also Berberdorf mit majestätischen Wohnburgen, den Kasbahs, die so gerne gerockt werden. Durch diese Tore – denen man künstliche aus Kulissenplastik beigefügt hat – sind schon Lawrence von Arabien und Ridley Scotts „Gladiator“ geschritten. Wer höckerlings nach Timbuktu weiter möchte: 52 Tage dauert es von hier, wo demnächst definitiv die Sahara übernimmt, noch bis zur sagenumwobenen malischen Stadt.

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Die 13 Stunden im Kleinbus haben ihren Tribut gefordert – leicht übermüdet und vom Geflecht der Muezzinrufe betört sinkt der Reisende ermattet auf sein plüschiges, mit Moschus- und Ambraduft benetztes Lager und ist gespannt auf Fès.

Untige Chaiselongue übrigens ist leider mitnichten meine Behausung, sondern die Kulisse zu „Alyssa, Gattin des Pharaonen“ im Filmmuseum von Ouarzazate.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAalle Fotos © Stefan Franzen

 

Arabesque #6

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAbseits der großen Festivalbühne, die Lîlahs, Rituale von ganz unterschiedlicher Gestalt:

Hier zelebrieren die Gnawa die Geburt Mohammeds, stellen den Kontakt zu Allah, aber auch zu den M’louk, den Geistwesen her. Zu mitternächtlicher Stunde die Issaoua de Fès, oben auf dem Festungsturm Borj Bab Marrakech. Ihre Musik erinnert anfangs an die arabo-andalusischen Orchester mit Hackbrett und sehr melismatischem Gesang, nach und nach zieht der Rhythmus an und das Publikum erhebt sich zu feurigem Tanz.

Der Zeremonienmeister posiert nach getaner Arbeit.

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Und mitten in der Nacht eine weitere Entdeckung unten am Strand, wo die Jugend tobt:
Mehdi Nassouli macht aus der Gnawa-Musik einen packenden funkigen Pop – die Zukunft der marokkanischen Musik.

 

OLYMPUS DIGITAL CAMERAalle Fotos © Stefan Franzen

Arabesque #5

OLYMPUS DIGITAL CAMERAZweiter Tag beim Festival von Essaouira.

Ist das die mächtigste Musik des Planeten? Der Gesang der  Gnawa donnert über den großen Platz Moulay Hassan dem braunen Meer entgegen, unterfüttert vom bassigen Knacken der Guembri-Laute und den züngelnden Metallschalen.

Bisher habe ich nur im Qawwali der pakistanischen Sufi (und auch die Gnawa-Bruderschaften können zu den Sufi gezählt werden) und im Gospel eine ähnliche, unentrinnbare, beseelende Wirkung entdeckt.

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Nach sechs Jahren heute auch ein Wiedersehen mit Tony Allen, dem – meiner bescheidenen Meinung nach – immer noch besten Drummer der Welt.

Auch er versichert im Interview, dass er ein großer Anhänger der Gnawa-Musik ist, beweist es auf der Bühne in Fusion mit der Gruppe von Mohamed Koyou.

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Und zwischen all dem Festivalgetriebe:

Das Freitagsgebet in der zentralen Moschee, dessen Suren die Gnawa-Melodien umspielen – oder umgekehrt, ganz nach Hörweise.

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alle Fotos © Stefan Franzen

Arabesque #4

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Flucht- und Sandburgenmythen von Hendrix, den Stones und Cat Stevens einmal zur Seite (sie sind ohnehin zu einem guten Teil Erfindung):

Essaouira ist ein recht heruntergekommener Palast der Winde, sobald die Sonne sich kurz versteckt, von milchiger Feuchte durchtränkt, die sofort die Augen verklebt, von rasselndem Husten und dauerndem Niesen seiner Einwohner erfüllt.

Leuchten Marrakechs rote Mauern in der unbarmherzigen Sonne von 44 Grad, dominieren hier weiß und ein bisschen Blau, wo Marrakech duftet , liegt hier immer wieder Faulig-Fischiges, Verrottendes in der Luft, die des nachts auf unter 20 herunterkühlt.

Alles zieht hier zum Meer hinaus, selbst die ständige Brise, mehr Sturm als Wind. Ihr Name fast romantisch, Alizee, doch ihre Unerbittlichkeit dringt selbst durch diese starken Festungsmauern, pfeift durch jeden schmalen Derb und zerrt an den Menschen, die mitunter dicke Kutten tragen.

Doch Mogador, wie die Portugiesen es nannten, ist dieser Tage auch erfüllt vom Klack-klack-klack-klack der Garagab, riesiger Metallcastagnetten, Rahmen- und Röhrentrommeln, dem Wummern der Kastenlaute Guembri, betäubenden Schalmeien und machtvoll-kehligen Männerchören, von den abertausenden Zuhörern brausend erwidert: Die Bruderschaften der Gnawa-Musiker haben die Stadt im Griff und laden die ganze Welt von Guadeloupe bis Dänemark zum tönenden Austausch.

 

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OLYMPUS DIGITAL CAMERAalle Fotos © Stefan Franzen