TFF-Vorfreude #2

gjermund larsenIn Norwegen ist das Hipstertum tief in die traditionelle Musik vorgedrungen, wie dem Bild oben und dem Video unten unschwer zu entnehmen ist. Der Geiger Gjermund Larsen steht mit seinem Trio an der Spitze einer Folkbewegung, die ihre Erneuerung auch aus dem Jazz bezieht. Zu hören beim TFF Rudolstadt, das nächste Woche Donnerstag mit einem Norwegen-Schwerpunkt startet. Mein Beitrag zur Mittsommernacht.

Gjermund Larsen: „Bachslått“
Quelle: youtube

 

Side Tracks #10: Aretha macht großen Bahnhof

aretha franklin - won't be long
flagge-vereinigte-staaten-von-amerika-usa-flagge-button-50x75Aretha Franklin: „Won’t Be Long“
aus: Aretha (Columbia, 1961)

Damit hat für die Queen of Soul Vieles angefangen: Der Song befindet sich auf ihrem ersten Studioalbum, das sie 1960 mit der Combo des Jazzpianisten Ray Bryant einspielte. Dank intensiver Gospel-Schulung war ihre Stimme mit 18 schon unfassbar weit entwickelt, was Phrasierung und Ausdruck angeht. Alle späteren Columbia-Aufnahmen bis zu ihrem Wechsel zu Atlantic Records Ende 1966 und dem Beginn ihrer Soulkarriere können nur schwerlich mithalten mit diesen frühen Aufnahmen. Bryants Rhythm Section und die Bläser imitieren grandios einen fahrenden Zug, während Aretha selbst am gospelgeladenen Klavier sitzt und von der Ungeduld singt, mit zitternden Knien am Bahnsteig auf ihren Liebling zu warten, der mit der 503 kommen wird.

Ob die Songschreiber J. Leslie McFarland und Aaron Schroeder (die kurz zuvor „Stuck On You“ für Elvis geschrieben hatten) bei der „503“ an einen bestimmten Zug dachten oder die Nummer nur wegen des Reims verwendeten? Hier ist jedenfalls die schönste 503, die ich gefunden habe, eine Lok der Great Northern Railway Company, die in den 1960ern westlich von Chicago verkehrte.

great northern 503

Aretha Franklin: „Won’t be Long“ (1961)
Quelle: youtube

Und es gibt zwei sehr unterschiedliche Live-Aufnahmen von diesem frühen Meisterstück des Eisenbahn-Souls:

Aretha Franklin at Shindig: „Won’t Be Long“
Quelle: youtube
Aretha Franklin live at the Steve Allen Show (1964): „Won’t Be Long“
Quelle: youtube

„Ich bin ein ballad guy“

Wenn nach wochenlanger Konzertdürre urplötzlich an allen Orten Deutschlands gleichzeitig hörenswerte Shows über die Bühne gehen, von denen man dann zwangsläufig die Hälfte verpassen muss, kann das nur eines heißen: Der Juli steht vor der Tür. Das Stimmen-Festival Lörrach hat sich unter seinem neuen künstlerischen Leiter Markus Muffler erkennbar von der Musik aus aller Welt abgewandt. Trotzdem präsentiert man im Dreiländereck einige Programmpunkte, die sich wohltuend vom üblichen Festivalbetrieb abheben.

Dazu gehört in allererster Linie der Auftakt am 2.7. mit Ivan Lins, einem der größten Songwriter der Welt (sorry, schon wieder so ein Superlativ, aber ich bin mit dieser Meinung nicht allein). Der Lokalkolorit-Clou: Lins hat auf seiner CD „Cornucopia“ mit dem brasilophilen Freiburger Musikprofessor Ralf Schmid und der SWR Big Band kollaboriert. Was es damit auf sich hat, im nachfolgenden Interview, das ich mit Lins geführt habe, als der völlig überraschend 2011 in Freiburg eintrudelte.

Und an dieser Stelle noch etwas verspätet:
Bom aniversário, Ivan!
Der Mann ist vorgestern unfassbare 70 geworden.
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TFF-Vorfreude #1

noura mint seymaliDas TFF Rudolstadt ist eines der ganz wenigen Festivals, die noch konsequent die globale Musikvielfalt präsentieren, nachdem viele andere Veranstalter in unseren Breiten und Längen immer mehr auf die anglo-amerikanische Konsensschiene einschwenken (oder schon immer auf ihr gefahren sind). Die so oft beschworene Interkulturalität Deutschlands, auf den Bühnen muss man sie mit der Lupe suchen. Umso mehr freue ich mich, dass es in knapp zwei Wochen an der Saale wieder losgeht, auch wenn ich 7 Stunden Anfahrt habe. Nur im thüringischen Städtchen lassen sich zum Beispiel Künstler wie die Mauretanierin Noura Mint Seymali erleben, mit der das Label Glitterbeat seine Vorliebe für Sounds aus dem Trockengürtel Westafrika untermauert. Seymali ist die Stieftochter der großen Dame der mauretanischen Musik, Dimi Mint Abba. Auf ihrem Album „Tzenni“ werden die traditionelle Stegharfe Ardine und Spießlaute Tidinit in ein kompaktes Rocksetting gefügt, das dank der E-Gitarre vom Gatten Jeiche Ould Chighaly auch mal psychedelisch werden kann – und überraschenderweise entfaltet die melismatisch verschlungene Vokalarbeit der Frontfrau dadurch noch mehr ungezähmte Flugkraft. Allein für dieses Konzert lohnt sich die Fahrt.

Noura Mint Seymali: „Tzenni“
Quelle: youtube

 

Der Duft der Nacht

debashish bhattacharya - from dusk till dawnDebashish Bhattacharya
Slide Guitar Ragas – From Dusk Till Dawn
(Riverboat Records/Harmonia Mundi)

Kleiner Nachtrag zum Festival Musiques Sacrées in Fès letzte Woche, wo dieser Mann ein beseeltes Duokonzert mit dem Malier Ballaké Cissoko gegeben hat: „Chaturangui“ könnte das schönste Wort im indischen Kulturraum sein. Diese vier Silben klingen nicht nur reizend, sie sind auch der Name für eine der vielen Eigenkreationen des Slidegitarristen und Instrumentenerfinders Debashish Bhattacharya. Mit der 24-saitigen Neuschöpfung, aber auch mit der indischen Ukulele Anandi hat der Meister aus Kalkutta seine Ausdrucksmöglichkeiten um ein Vielfaches erweitert. Nach etlichen cross-kulturellen Experimenten, etwa mit Bob Brozman oder John McLaughlin, konzentriert er sich hier solo auf die breite Ausgestaltung von Improvisationen, die einen von der Abenddämmerung durch die tiefe Nacht bis zum Sonnenaufgang führen. Eine virtuose, große Nachtmusik.

Debashish Bhattacharya & Subharsis Bhattacharjee live at Vilnius
Quelle: youtube

Arabesque #18

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAbschied von Fès, der gigantischen Mausefalle – Abschied von Marokko.

Erlebnis- und lehrreiche 18 Tage gehen zu Ende – mit etlichen Überraschungen, einigen Ärgernissen und vielen Denkanstößen.

Letzte Eindrücke vom Festival vor dem Rückflug, der mit der Bahn nach Casablanca erreicht wird- mit der epischen Erzählkunst der Musicians Of The Nile aus Luxor, dem korsischen Vokalenemble A Filetta und einer zweiten Sufi-Nacht, die – nach der Tarika Machichiya am Vorabend – ebenso „uplifting“ aber rein vokal von der Tarika Skaliya bestritten wird.
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Als Abschiedsbild die schmucke Gare des Trains von Fès. Hätten wir bloß auch so schöne Bahnhöfe!

OLYMPUS DIGITAL CAMERAalle Fotos © Stefan Franzen

 

Arabesque #17

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Musiques Sacrées in Fès, letzter Teil – mit einigen lustigen und erhebenden Erkenntnissen.

Dieses Festival zerfällt in komplett unterschiedliche Gesichter mit ebenso unterschiedlichen Zuhörerschaften.
Die Würdenträger in der Bab Makina-Arena, einschließlich der wichtigen Makhzen-Leute, der königlichen Entrourage.
Die französischen und amerikanischen Touristen im Garten des Batha-Museums und in den eleganten Innenhöfen der Medina: Wer hier noch keine 60 ist, kommt sich blutjung vor. Man ist hier unter sich, die marokkanische Öffentlichkeit nicht präsent.

Und dann dieses Erlebnis, fast eine Erweckung:

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Im nächtlichen Garten des Dar Tazi spielen jede Nacht Sufi-Bruderschaften aus unterschiedlichsten Gegenden des Landes. Fast ausschließlich Frauen in Djerbala und Kopftuch strömen hier um 23 Uhr mit kleinen Kindern auf die Teppiche. Nie habe ich die Frauen auf meiner Reise so ausgelassen, fröhlich, ja überschwänglich erlebt, sie lachen und scherzen, es duftet überall ein wenig nach Rosenwasser.

Die Musiker, eine lokale Gruppe, deren Namen ich noch erkunden muss, entern die Bühne, 16 an der Zahl, neun Sänger, Oud, Geige und Hackbrett, drei Perkussionisten. Über eine schepprige Anlage tönt seelenvoller, responsorischer Gesang durch die Nachtluft, so mitreißend und erhebend, man ist vom ersten Moment elektrisiert.

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Jetzt kommen auch junge Kerle in den Garten, obwohl sie alle Insignien der US-Kultur am Leib tragen, singen sie jeden Vers dieser heiligen Musik mit, Sprechchöre schallen den Musikern entgegen.

Kinder toben – es ist inzwischen weit nach Mitternacht – über die Teppiche, es herrscht Volksfeststimmung und trotzdem ist das hier ja ein Gottesdienst im wahrsten Wortsinn.
Und ein offenbar gehandicapter Mann, der buchstäblich auf den Teppich geführt werden musste, beginnt plötzlich zu tanzen.

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Zum Ende hin erheben sich die Musiker, intensivieren ihre Anrufungen mit feurigem Herzblut. Jetzt sind es die jungen Männer im Publikum, denen man tagsüber in der Medina eher die Zuneigung zum Hiphop als die Hingabe an Sufiklänge zutrauen würde, die fast in Trance auf- und abspringen. Was sich hier beim sogenannten Off-Festival abspielte, das nicht einmal im Programmheft berücksichtigt wird, es war die intensivste musikalische Erfahrung dieser Reise.

Auch wenn die Rückreise morgen um 5h30 beginnt: Ich muss diesen Garten der erhabenen Klänge heute Nacht nochmals aufsuchen.

alle Fotos © Stefan Franzen

Arabesque #16

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Inmitten der Arabesken eine Romaneske.

Schon die alten Römer wussten, dass die Umgebung des heutigen Fès und Meknès eine der fruchtbarsten Marokkos ist. Inmitten von Olivenhainen und wuchtigen Zypressen lassen sich die Überreste ihrer damaligen Stadt Volubilis mit Capitol, Basilika, Forum, breiter Prachtstraße und vielen Patriziervillen besichtigen. Den endgültigen ruinösen Garaus hat diesen alten Steinen erst das berühmte Lissabonner Erdbeben von 1755 gemacht.

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Am meisten Spaß macht es hier, sich die teil prächtig erhaltenen Mosaikböden anzuschauen.
Meine Lieblinge: Der Rückwärtsritt im „Haus des Akrobaten“ und die badende Diana, die vom Jäger Acteon beobachtet wird. Zur Strafe dafür wachsen im Hörner.

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Einen – weiten – Steinwurf entfernt von Volubilis: Moulay Idriss, dessen weiße Häuser spektakulär an einem kleinen Berg kleben. Wer fünf Mal hierhin pilgert, kann sich die Reise nach Mekka sparen. Grund: Der Gründer der ersten richtigen marokkanischen Dynastie, zugleich Ururenkel von Mohammed, ist hier begraben. Die Aussicht auf diese pittoreske Stätte kostete 5 kleine Mandelkuchen.
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OLYMPUS DIGITAL CAMERAalle Fotos © Stefan Franzen

 

Arabesque #15

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEndlich – der Regen hat das Zepter an die Musik übergeben in Fès.
Zwei herrliche Nachmittage und Abende mit seelenvollen Begegnungen zwischen Korameister Ballaké Cissoko und dem indischen Mandolinisten Debashish Bhattacharya der höfischen Stegharfenkunst Malis in zehnfacher Ausführung und der Sufipoesie der tunesischen Sängerin Sonia M’Barek. Die Schauplätze der Konzerte, teils tief in der Medina und nur für Mutige, Labyrintherfahrene zu finden (oben das Complexe Culturel Ben Youssef) sind da bei stets die heimlichen Stars.

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 Zu den Herren unten, die mir tief in der Nacht eines der fantastischsten Musikerlebenisse überhaupt beschert haben, folgt mehr.

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alle Fotos © Stefan Franzen

Arabesque #14

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEin zweiter Besuch in der Medina, diesmal mit offizieller Führung. Doch so „offiziell“ sie auch sein mag, es führt kein Weg um die Verkaufsstuben der Berberteppichhändler, Weber und Gerber herum. Dass ich – überrascht ob dieser geballten Shopping-Offensive – die Wirtschaft der Altstadt dennoch nur mit einem schönen Leinenschal angekurbelt habe, kommt mir schon fast schäbig vor.

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Mitgenommen habe ich außerdem Eindrücke (in der Reihenfolge ihres fotografischen Auftretens) von der Koranschule Bou Inania, der ehemaligen Karavanserai Nejjarine, einer Stoffauktion, dem Mausoleum des Stadtgründers Moulay Idriss II., den Chaouwara-Gerbereien und dem Schrein von Sidi Ahmed Tijani, Vater des Tijaniyya-Sufi-Ordens.

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Was die Musik angeht, eigentlicher Grund meines Besuchs hier: Untenstehendes Bild vom Auftritt der schottischen Sängerin Julie Fowlis spiegelt die Hilflosigkeit der Festivalveranstalter gegenüber dem Regen fast liebenswürdig wider. Die Abendkonzerte wurden ob der Fluten – in der Herberge stand das Wasser knöchelhoch – abgesagt. Wie heißt es so schön bei Katastrophenmeldungen: Und für morgen ist neuer Regen vorhergesagt.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAalle Fotos © Stefan Franzen