
Foto: Stefan Franzen
Cristina Branco
Jazzhaus Freiburg
27.01.2026
Cristina Branco feierte im Jazzhaus ihre freie Lesart des Fado. Ein überragender, fesselnder Auftritt.
„Es wichtig ist darüber zu singen, wie wir alle miteinander verbunden sind, jetzt, wo die Welt so verkehrt ist.“ Sagt Cristina Branco – und stimmt zu einem zärtlich hüpfenden Klaviermotiv „Não Há Ponte Sem Nós“ an. Es gibt keine Brücke ohne uns, so übersetzt sich dieser genauso intime wie lebhafte Dreiertakter, und Brücken, die hat sie seit 30 Jahren gebaut, zwischen Fado, Jazz und Songwriting.
Ein denkwürdiger Abend wird es im Jazzhaus Freiburg. Branco gestaltet ihn mit ihrem seit einer Dekade bestehenden Quartett, eine verschworene Gemeinschaft, die traditionelle Fado-Strukturen anhand von Jazzelementen raffiniert neu belebt und organisch miteinander atmet. Mit diesen Musikern hat sie die letzten vier Alben entworfen, bis zum aktuellen Mãe“, „Mutter“, die für sie ein auch ein Symbol ist für die Schutz bietende Musik. Viele Stücke kommen aus diesem Werk: etwa das an Naturbildern reiche „Rio Nuvens“ von der azorischen Menschen- und Frauenrechtlerin Natália Correia, in den der sagenhafte Luis Figueiredo, ein Meister des improvisatorischen Geistesblitzes am Klavier, plötzlich einen bluesigen Lauf einflicht. Oder „Senhora Do Mar Redondo“, ein Gebet für die sichere Rückkehr der Seeleute in Form eines schwermütigen Fado Cravo. Hier kostet Branco ihre vokalen Qualitäten machtvoll aus, vom feingliedrigen Zittern der Stimme bis zur resoluten Dramatik in gehämmerten Akkorden.
Es geht auch um die Befreiung der Frau in diesem Konzert, die im konservativ-katholischen Portugal noch nicht so lange Thema ist. „Liberdade“ von der jungen Fadista Teresinha Landeiro erzählt von dieser neuen Selbstbestimmung. Oder ein moderner Fado, der eine Frau porträtiert, die allein und glücklich mit dem Meer verschmilzt, Figueiredo liefert dazu ruhige Figuren wie in einem Bach-Präludium, Bernardo Moreira am Bass eine jazzige Coda. Dieser Abend hat nicht nur Schwere: Schwungvoll nimmt Branco das Publikum zu einem Tango mit, Benardo Couto, der das Gegenteil von einem permanent protzenden Virtuosen ist, hat hier einen seiner Glanzmomente. Witzig wird es in „Inferno Do Céu“: Eine junge Nonne, die das „unreine Kreuz im BH“ trägt, berichtet von den Versuchungen in der „Hölle des Himmels“: eine Walzer-Groteske. Und in der Zugabe bekommt das begeisterte Publikum die faustdicke Überraschung: Ausschließlich mit Klopfen, Hämmern und Schrubben gestalten die vier Akteure die geheimnisvolle Anrufung an den Mond des venezolanischen Volkssängers Simón Díaz.
© Stefan Franzen, erschienen in der Badischen Zeitung, Ausgabe 29.01.2026