
Ausflüge zu Komponisten-Domizilen sind ja meine Steckenpferde, wie ganz aufmerksamen Leserinnen und Lesern dieses Blogs nicht entgangen sein dürfte. Das Belvedère von Maurice Ravel in Montfort L’Amaury, rund 40 Kilometer westlich von Paris, stand schon seit vielen Jahren auf meiner Wunschliste, doch bei vergangenen Paris-Aufenthalten scheiterte der Besuch an Zeitmangel und der aufwendigen Anreise dorthin. Jetzt aber, zu Ravels 151. Geburtstag sollte es sein.
Man muss das wirklich wollen – denn der Besuch wird einem alles andere als leicht gemacht. Das Belvedère öffnet sich dem Publikum nur an Wochenenden und auf vorherige Reservation. Und der Weg dorthin mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist nur in einer Kombination aus Métro, RER und Bus zu wuppen, man benötigt zweieinhalb Stunden.
Kräftigung ist also angesagt in einem meiner Lieblingscafés, Nähe der U-Bahn-Station Stalingrad, dem Jaurès. Der streitbare Reformsozialist steht Pate für ein Établissement, in dem als Untermalung leider auch KI-generierter Smooth Jazz Einzug gehalten hat. Für Leute wie mich, die sich professionell mit der Beurteilung von Musik beschäftigen, ist es – noch – relativ leicht, die Quelle als nicht menschlich zu identifizieren. Man entdeckt die Parameter leicht, die hier eingegeben wurden: eine melancholische, hauchende Stimme (jede einzelne Silbe wird zum lasziven Schaukasten), schablonenhafte Harmonien in den Schichtungen. Klischeehafte Sax-Einwürfe. Ein lebloser Bass, bei dem das Holz nicht hörbar ist. Standardisierte Drums mit durchlaufender Bongo. Wird improvisiert, dann in engem Umfang, es gibt keine Ausbrüche, keine Geistesblitze. Und wieder stellt man zum x-ten mal fest, wie dämlich die Bezeichnung „KI“ ist: Künstlich, ja, aber intelligent? Maurice Ravel, ein Freund des verspielt Mechanischen, der raffinierten Apparatur: Vor dieser Künstlichkeit hätte es ihm vermutlich gegraust.
Als sich die Agglomeration von Paris ausdünnt, wird die Landschaft der Île-de-France fast lieblich. Magnolien und frühe Obstbäume blühen hier schon allerorten, westlich von Versailles ist der Umstieg in einen Bus vonnöten, der zuckelt über fast 30 Stationen durch eine weite, diesige Landschaft mit ganz sanften Hügeln und kleine Dörfer mit Steinhäusern. Dann kommt der Ort Montfort-l’Amaury in Sicht.

Nicht ohne Charme liegt das Städtchen am Waldsaum von Rambouillet, eine überdimensionale Kirche überragt die schmalen Kopfsteinpflastergassen, auf dem zentralen Platz ein paar Cafés und ein indisches Restaurant. Um die Ecke windet sich eine Straße bergan auf einen Hügel mit Ruinen – und an eine Kurve drängt sich ein schmales, langgestrecktes, von einem Türmchen bekränztes Haus. Ein architektonisches Kuriosum.

1921 hat Ravel es erworben, auch um seine Ruhe vor dem Gewühle von Paris zu haben, das trotzdem nicht außer Reichweite war. Der handwerklich Unbegabte verzweifelte zunächst: Ein Wassereinbruch ruinierte das Klavier, seine trinkende Magd stahl ihm Einrichtungsgegenstände. Doch schließlich war es soweit, er konnte Gäste empfangen. Eine enge Freundin des Komponisten, die Violinistin Hélène Jourdan-Morhange, berichtet von einer merkwürdigen Einrichtung, die sich auch heute noch bewundern lässt. Der Autor Theo Hirsbrunner spricht gar davon, das Haus sei ein Psychotop: In seiner Oper „L’Enfant Et Les Sortilèges“ habe Ravel gewissermaßen sein ganzes Intérieur und den umliegenden Wald von Rambouillet zu einem Libretto von Colette vertont.


Ein kleines Grüppchen hat sich eingefunden, um von einer freundlichen, kenntnisreichen älteren Dame durch das unfassbar schmale Anwesen geleitet zu werden. Im engen Flur hat man ständig Angst, irgendetwas von den Wänden zu fegen. In dem von Ravel veranlassten wenig schmucken Küchenanbau beginnt die Tour, führt dann vorbei an Vitrinen, in der die Originalpartitur von „L’enfant…“ und eine beeindruckende Büste stehen, man darf dann auf leisen Sohlen seinen Ruheraum und Salons betreten, von einem führt eine Geheimtür in Ravels Bibliothek.

Schachbrettkacheln zieren den Boden, und auf den Kommoden, Borden und Tischen offenbart sich Ravels kindlicher Spieltrieb: Eine Anhäufung an Schächtelchen, Glaswaren, Figurinen, eine Vase mit antik griechischen Motiven, japanische Zeichnungen bilden ein alles andere als homogenes Interieur, trotzdem reibt sich hier nichts, da alles zusammen ein fragiles, zartes Gesamtkunstwerk ergibt.

Bewundern kann man auch sein Klavier, auf dem eine Glaskugel thront. In sie ist eine Pappmaché-Landschaft eingearbeitet, über der sich sogar die Wolken bewegen lassen. Neben dem Piano sein sehr aufgeräumter Arbeitstisch. Und natürlich gibt es auch ein Grammophon zu bestaunen, auf der noch eine leicht staubige Schellack-Platte mit der Aufnahme des Streichquartetts in F-Dur liegt, eines meiner Lieblingswerke des Komponisten.



Im unteren Stockwerk, abseits der zwar nicht belebten Straße, die aber durch das Kopfsteinpflaster damals trotzdem mächtig störend auf das schaffende Gemüt gewirkt haben dürfte, befinden sich Bad und Schlafzimmer, das ich aus Pietätsgründen nicht abgelichtet habe. Feucht sei es gewesen, sagt unsere Führerin, und alles andere als gesund, hier zu schlafen.
Dann schweift der Blick über seinen Garten in die Senke, am Horizont rechts erstreckt sich im leichten Dunst der Wald von Rambouillet. Die Ravel-Forscherin Colette Loubet-Durègne schreibt: „Er, der Dandy, der Mondäne, der Nachtschwärmer, liebte die Natur und vor allem die Gegend von Rambouillet mit ihrem Wald, den er in jeder Richtung und Jahreszeit Tag und Nacht durchstreift hatte und der schließlich für ihn kein Geheimnis mehr aufwies: Er hatte alle Gerüche eingesogen, jeden Baum erkannt, jede Pflanze und jedes Geflüster und die tausend flüchtigen Geräusche bemerkt: das Brummen der Insekten, das Quaken der Frösche, das Lachen des Waldkauzes, den Flug der Libellen, das Murmeln der Brise.“

Ravel komponierte auf seinen stundenlangen Spaziergängen, seine Wahrnehmungen flossen vor allem in die Oper „L‘Enfant Et Les Sortilèges“ ein. Doch wie übersetzte er diesen Wald, den er so liebte, in Töne? Nicht als lieblichen Ort. So, wie er im ersten Teil des Werks die Gegenstände im Haus lebendig werden ließ, sind es im zweiten die pflanzlichen und tierischen Bewohner: Gequälte Bäume, ein gefangenes Eichhörnchen, eine Libelle mit einem Flügel, getötete Fledermäuse und tanzende Frösche finden sich ein, um dem Protagonisten, einem bösen Kind zu zeigen, wie es sie verletzt hat. Der Wald als gigantische und dämonische Opernbühne.
Bis zuletzt hat Ravel, so berichteten übereinstimmend seine Freunde, trotz seiner mysteriösen Hirnerkrankung, vielleicht ausgelöst durch einen Unfall während einer Taxifahrt, seinen Wald von Rambouillet mit lebhaftem Schritt so oft er konnte durchquert. Für diesen Mann, dem es unmöglich wurde zu komponieren, der an chronischen Kopfschmerzen litt, an Erschöpfung und der Unfähigkeit, Töne und Rhythmen wiederzugeben, war dieser Wald am Horizont tatsächlich das letzte Refugium, das er im Leben hatte.
Und auf diesen Wald schallen nun seine Kompositionen hinaus: Junge Musikstudenten haben sich eingefunden, um zu seinem Geburtstag blechblasend vom Balkon und im Streichquartett aus seinem Schlafgemach bei offenem Fenster zu musizieren. Die Klänge aus dieser pittoresken, fast englisch anmutenden Parklandschaft habe ich noch im Kopf, als mich die pulsierende Metropole Paris schon längst wieder umfangen hat.
© Stefan Franzen
