(he)artstrings #32: Jimmy erfindet, Roberta veredelt

Roberta Flack / Jimmy Webb: „Do What You Gotta Do“
(aus: Chapter Two, Atlantic 1970)

Jimmy Webb erinnert sich in seinem Buch Tunesmith (Hyperion 1998), wie er das erste Mal Roberta Flacks Version seines Songs „Do What You Gotta Do“ hörte. Er stellte fest, dass ihre Melodie kaum noch etwas zu tun hatte mit seinem Original und fing spontan an, seine ursprüngliche Gesangslinie hinzuzufügen. „My God, what a gorgeous duet it was!“, so sein Kommentar.

Webb hat dieses Lied mit zarten sechzehn Jahren geschrieben und die damals vielleicht persönlich durchlebte Erfahrung in Töne gegossen, wie eine Frau, die wohl eine „Schuhgröße“ zu viel für den Knaben hatte, ihn wieder verlässt. Dem von Liebeskummer Geplagten schwante das zwar von Anfang an irgendwie, es stürzt ihn aber nichtsdestotrotz ihn tiefste Melancholie. Der erste Interpret dieses Stücks war 1966 Johnny Rivers, eine Motown-Version folgte drei Jahre später mit den Four Tops. Webb selbst, oftmals nicht der beste Interpret seiner eigenen Werke, hat den Song auch mehrfach aufgegriffen, spielt ihn auch heute noch bei Soloauftritten am Klavier.

Was Roberta Flack aber aus „Do What You Gotta Do“ geformt hat, ist in einer eigenen Liga, und ich gebe zu, bei ihrer Version treibt es mir die Tränen in die Augen. Im ruhigen Gang, mit clever umgekehrten Akkorden in der rechten Piano-Hand und ihrer so typisch unaufgeregten Stimme, die sich über Minuten zu einer völlig unforcierten Inbrunst steigert, spiegelt sie die Verzweiflung eines gebrochenen Herzens formvollendet wider – und in einem Kunstgriff überträgt sie Jimmys Story dann natürlich auch noch auf die Perspektive des anderen Geschlechts.

Heute, am 1. Todestag von Roberta, teile ich „Do What You Gotta Do“ in mehreren Varianten: Die Studio-Version von Flacks zweitem Album Chapter Two, die der brasilianische Meister-Textierer Eumir Deodato geadelt hat – mit Streichern, die in den Geigen wie Espenlaub zittern und in den tiefen Lagen waidwund seufzen – bleibt aber unerreicht. Musik aus einem Amerika, das es nicht mehr gibt.

1. Roberta Flack (arr. Deodato, 1970)
Quelle: youtube
2. Roberta Flack (live in Montreux 1971)
Quelle: youtube

3. Johnny Rivers (1966)
Quelle: youtube

4. Four Tops (1969)
Quelle: youtube

5. Jimmy Webb (2010)
Quelle: youtube

Der Kuchen im Regen

Es könnten die absurdesten Textzeilen der Popmusikgeschichte sein: „Jemand hat den Kuchen da draußen im Regen gelassen. Ich glaube, das halte ich nicht aus, denn es war so schwierig ihn zu backen und ich werde das Rezept nie mehr auftreiben.“ Die Musik zu dieser Klage über eine Liebe, die sich nicht erfüllen konnte, wird aufs Dramatischste ausgestaltet, mit vollem Symphonieorchester, Tempowechseln und der zutiefst larmoyanten Stimme des Sängers Richard Harris. „McArthur Park“ ist nur eines der einzigartigen Lieder, die Jimmy Webb geschaffen hat. Der Songwriter, Komponist und Arrangeur aus Oklahoma, der heute 70 Jahre alt wird, schaut auf ein halbes Jahrhundert von Hits zurück, im Olymp der US-Songschmiede ist ihm schon jetzt neben Burt Bacharach ein Thron sicher. Zum 70. Geburtstag die – für meine Ohren 7 spannendsten Songs des Songschmiedes.

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Schatzkiste #15: Liedschmied

jimmy webb - land's endJimmy Webb
Land’s End

(Asylum Records, 1974)

entdeckt bei Discogs

Könnte ich Songs und Arrangements schreiben wie er, würde ich den Journalismus sofort an den Nagel hängen und mich jeden Tag allein eine Stunde über dieses Talent freuen wie ein Schneekönig. Jimmy Webb hat nicht nur grandiose Hymnen wie „MacArthur Park“ oder „Wichita Lineman“ aus einer anderen Dimension geholt, sondern auch die treffendste und witzigste Abhandlung übers Songwriting verfasst, die ich kenne (Tunesmith, Hyperion 1998). Auch mein so geliebter Soul lebt von seinen wunderbaren Klangtexturen (zum Beispiel Thelma Houstons Sunflower). Viele Kollegen sind der Meinung, dass er nicht der beste Interpret seiner eigenen Songs war. Diese LP straft sie Lügen. Der feine, leicht country-eske Wintersound läuft mir seit etlichen Tagen nach – und Webbs Stimme war Mitte der Siebziger auch auf dem Zenit. Die Platte gipfelt in einem orchestralen Finale, zu dessen leichtem Schmalz man sich schamlos bekennen kann.

Jimmy Webb: „Land’s End / Asleep On The Wind“
Quelle: youtube