In Ghana wehen die musikalischen Flaggen auf Halbmast: Mit Ebo Taylor ist am 7. Februar einer der Grandseigneurs der Highlife-Geschichte des Landes im Alter von 90 Jahren verstorben. Der Gitarrist, Bandleader und Komponist kam 1936 in Cape Coast zur Welt und prägte von Beginn seiner Karriere an die ghanaische Popmusik. Als Ghana 1957 seine Unabhängigkeit erklärt, formt er in der Ashanti-Kapitale Kumasi erste eigene Bands, die Stargazers und die Broadway Dance Band und saugt Einflüsse von Miles Davis bis Sonny Rollins auf. Für seinen charakterstarken, kantigen und synkopischen Gitarrenstil findet er in Wes Montgomery ein Vorbild.
Gefördert von Staatschef Kwame Nkrumah geht er 1962 nach London und heckt dort mit dem Nigerianer Fela Kuti Pläne für die Weiterentwicklung des Highlife aus: „Wir Ghanaer haben damals viel mit den Nigerianern gejamt, ein reger Austausch, als Konkurrenz habe ich das nie empfunden“, sagte er mir 2010. „Irgendwann realisierte ich, dass unsere Musik nach der Kolonialisierung sehr nach Dur klang, ganz im Gegensatz zu der unserer Vorfahren. Ich fühlte, dass der Funk ein Weg war, da rauszukommen.“
Das realisiert er mit einer ganzen Latte von Bands, unter ihnen die Blue Monks, die legendäre Uhuru Band, die Apagya Show Band oder auch das Underground-Projekt Asaase Ase, mit dem er die Musik der Fante-Küstendörfer und der Kriegerkaste Asafo mit funky Feeling versieht. Er schreibt Hits wie „Heaven“ und „Atwer Abroba“, veröffentlicht in den Siebzigern Solo-Alben, komponiert und produziert für die führenden Plattenfirmen Ghanas wie Essiebons, betreut deren Highlife-Stars Pat Thomas und C.K.Mann.
Ebo Taylor stand lange im Schatten von Fela Kuti und Tony Allen, wobei er stets betonte, dass deren Afrobeat doch eigentlich nur eine weitere Variante des ghanaischen Highlifes war. Erst in den Nullerjahren wird die aktuelle Generation von afrobegeisterten Musikern auf ihn aufmerksam und regt generationenübergreifende Projekte an. „Love And Death“ ist der erste Output während Taylors zweitem Frühling, angestoßen von Ade Bantu und seiner Afrobeat Academy. Dem kulturellen Niedergang in seiner Heimat schafft der Musiker noch im Alter Abhilfe: Er wird Gitarrenlehrer im Music Department der University of Legon in der Hauptstadt Accra, wo er mich im September 2010 im leuchtend blauen Gewand und in beeindruckend gelassener Würde zum Gespräch empfing.
Weitere Alben wie „Appia Kwa Bridge“ und „Yen Ara“ festigen Ebo Taylors Vermächtnis der späten Jahre, und erst kürzlich hat er noch für das Label Jazz Is Dead mit Adrian Younge gearbeitet. Er prägte die R&B-orientierte junge Hiplife-Generation seines Landes, beeinflusste aber auch den US-HipHop von Usher, den Black Eyed Peas oder Kelly Rowland, die ihn alle sampelten. Kein Wunder also, dass Taylor in Ghana dieser Tage von höchster Stelle geehrt wird: „Er wird als einer unserer größten Musiker aller Zeiten in Erinnerung bleiben, als ein Mann, der sich dafür einsetzte, ghanaische Musik auf die Weltkarte zu bringen, zu einer Zeit, als andere Musikgenres im Vordergrund standen“, sagte der Sprecher des Präsidenten gegenüber der BBC.
Das Beste aus zwei Welten: die Energie des Soul und die Harmonien des Jazz, so definiert Myles Sanko sein Schaffen. Mit seinem neuen Werk Memories Of Love (Légère Recordings) vereint der Mann aus Cambridge sie in einer ungewöhnlichen Dramaturgie von Liebesliedern.
Im Video zu seiner neuen Single „Freedom Is You“ geht Myles Sanko ins Wasser. Mit den besten Absichten, denn dort erwartet ihn ein weißgewandeter Mann für die Taufe. „Ich bin kein religiöser Mensch“, stellt Sanko klar, „aber durchaus spirituell. Und in dieser Hymne an die Musik habe ich in Bilder gefasst, wie gut es tut, von Tönen ganz umflossen zu werden wie vom Wasser. Musik ist mein Leben, mein Alles, meine Zukunft.“ Man mag von seinem strahlenden, manchmal etwas plakativen Sound angetan sein oder nicht: Diese Aussage ist absolut glaubhaft, haben seine Songs doch immer die Aura der Hingabe.
Myles Sanko, der 1980 als Sohn eines bretonischen Seemanns und einer Ghanaerin geboren wird, hat eine unstete Kindheit, die er rückblickend aber doch als „fantastisch“ ansieht. „Als Fischer gehst du dahin, wo der Fang gut ist, und das hieß für mich, ein Leben zwischen der ghanaischen Hafenstadt Tema, dem togolesischen Lomé, Abidjan in der Elfenbeinküste und dem Senegal.“ Liebgewonnene Erinnerungen hat er vor allem an Ghana, wo die Lieder, mit denen die Fischer ihre Netze einholten oder mit denen der Zimmermann das Haus baute, ihm so etwas wie einen Urkick für sein rhythmisches Empfinden gaben. Doch schließlich schlug Sanko in Cambridge Wurzeln, wo er sich in der lokalen Szene die Hörner abstieß. Von seiner ursprünglichen Liebe, dem Rap ausgehend, entdeckte er durch die dort verwendeten Samples immer mehr die Vorläufergenres.
„Wir hatten hier eine kleine Soul- und Funk-Szene, die aber gerade groß genug war, um mir das Rüstzeug zu geben“, erinnert er sich. „Ich habe hier gelernt, wie man auf der Bühne agiert.“ Und genau das wurde auch zu seinem Leitgedanken: Ein guter Sänger muss ein geborener Performer sein. Daher offenbart Sanko auch eine ausgeprägte Liebe für die Rampensäue James Brown und Otis Redding, bewundert gerade bei letzterem, wie er von delikater Sensibilität auf Explosionskraft umschalten kann. Weitere frühe Heroen: Donny Hathaway und Bill Withers, dem er attestiert, er sei eigentlich ein Jazzer, man müsse sich nur eingehend mit seinen Kompositionen beschäftigen. Auch in Sankos Timbre hat sich Mr. Withers unverkennbar als seelenverwandter Vokalist niedergeschlagen.
Mittlerweile hat sich Myles Sanko von den Vorbildern und dem unverkennbar auf Retro gepegelten Sound der Frühwerke emanzipiert. „Ich denke, dass ich jetzt allmählich weiß, wo ich hinwill und dass ich akzeptiert habe, wer ich selbst bin. Ich bin gespannt, wie mein weiterer Weg verlaufen wird, denn ich habe mir vorgenommen, vor der Rente 15 Alben aufzunehmen! Memories Of Love hat einen sehr kraftvollen Sound, den ich zusammen mit meinem langjährigen Pianisten Tom O’Grady ausgeklügelt habe. Früher habe ich nicht viel mit Background Vocals gearbeitet. Aber jetzt habe ich mich gezielt entschieden, Chöre zu verwenden, viel Gospelanklänge zu verwenden. Das verleiht dem Album eine Spannung, eine Präsenz, und genau den richtigen Schwung.“ Was aber nicht heißt, dass alle elf Songs immer straightforward an die Bühnenkante gehen. Es gibt viel Platz für Improvisationen für Sax, Trompete und vor allem für O‘Gradys quirliges Klavier, auch mal unerwartete Progressionen.
Alle seine Bandmitglieder stammen aus Londons junger Jazzszene, zu der sich Sanko selbst nie zugehörig fühlte. „Ich als Außenseiter in dieser Londoner Jazzwelt, die Mischung macht’s!“, so sein Urteil. „Was mich im Soul manchmal stört, ist seine Schlichtheit, nach der aber manche der klassischen Songs des Genres gerade verlangen. Im Jazz dagegen fehlt mir zuweilen das tiefe Gefühl und die Leidenschaft. Mein Ziel ist es, das Beste aus beiden Welten zu vereinen, und die Würze sind die Streicher, der Gospel, ein Hauch Funk und HipHop.“ Sanko geht sogar so weit, dass er seinen Hörern auf dem Album zwei Songs in verschiedenen Versionen anbietet, einmal eher die jazzige Stripped Down-Version, einmal die seelenvolle Opulenz. „Wenn ein Song in reduzierter Form funktioniert, dann kannst du mit ihm nachher anstellen was du willst. Ich hoffe, ich kann meinem Publikum mit diesen Alternativfassungen auch verschiedene Reiserouten durch diese Songs ermöglichen.“
Eine mögliche Reiseroute ist auch die Landkarte der Liebe. Für Myles Sanko hat das überhaupt nichts Kitschiges oder Sentimentales. Sein Liederzyklus feiert nicht nur die Kraft der glücklichen Liebesbeziehung, er reicht auch oft ins Melancholische und Bittere, beinhaltet eben all das, was seine Erinnerungen an die Liebe triggert. Ganz offenkundig ist das im luxuriös gewandeten „Where Do We Stand“, mit dem er die problematische Beziehung zu seinem Vater aufarbeitet. „Er war ja nie da, immer auf See, ich hatte nie eine kontinuierliche Vaterfigur. Durch diesen Song können wir uns beide aneinander annähern, Heilung ermöglichen. Ich hoffe, dass das bei vielen Menschen eine Resonanz hervorruft, denn jeder schleppt ja solche biographischen Themen mit sich rum.“
Auch in „Never My Friend“ wird die eher zähe Seite der Liebe beleuchtet, die eines sich ständig ungeliebt fühlenden Pubertierenden, der neidisch die Liebespärchen um sich herum beobachtet. Hier leuchten deutliche Reverenzen an Hathaways balladeske Schwermut auf, und der Schlagzeuger hat Kaffeepause. „Viele kämpfen ja lange Jahre darum, eine Liebe zu finden, sie scheint immer ganz nah zu sein, entzieht sich dann wieder. Bei mir war das auch so, bis ich endlich meine Liebe fand.“ Ihr hat er „In The Morning“ gewidmet, eine Hymne auf die Schönheit, die mit neckischen Trompeten-Riffs und Philly-Strings gespickt ist.
Eine andere große Soulballade entfaltet er mit „Streams Of Time“, in der die Gitarre jubilierende Interludien liefert, bevor sich ein mächtiger Gospeldonner aufbaut. Und mit einem ganz unerwarteten Liebeslied klingt Memories Of Love aus. Der „Blackbird Song“ outet Myles Sanko als Naturliebhaber: „Ich habe mir neulich in Südfrankreich eine Villa gekauft. Eines Morgens war ich oben auf dem Dach, um was zu reparieren. Da fing eine Amsel zu singen an. Ich ließ den Hammer fallen und hörte einfach nur zu. In diesem Gesang, der ja so unverwechselbar ist, kamen so viele Erinnerungen hoch, an den Frühling und Sommer meiner früheren Jahre. Das war wie ein Schleusentor.“
Ghana ist ein Musikkosmos, in dem sich die Sounds von der tropischen Küste krass von denen im trockenen Norden unterscheiden: Das wird einmal mehr deutlich auf dem Album der Alostmen, die ihr Album nach dem beherrschenden Savannen-Instrument, der Laute Kologo benannt haben. Stevo Atambire, Kopf der Band und ehemaliges Straßenkind, kam durch Wanlov The Kubulor ins Musikbusiness und hat wohl die bis dato ansteckendste Variante des Kologo-Funk auf die Beine gestellt, in dem sich auch Prominenz wie Highlife-Altmeister Gyedu-Blay Ambolley tummelt. Um die Laute herum: ruppige Fiedeln, beschwipste Flöten und genau die richtige Dosis Elektronik. Eines der packendsten Ghana-Alben seit Langem!
M3nsa habe ich entdeckt, als ich vor acht Jahren in der ghanaischen Hauptstadt Accra recherchierte. Als die moderatere und nicht ganz so frivole Zunge des Duos Fokn Bois (die andere Hälfte ist der Paradiesvogel Wanlov the Kubolor) hat er auch immer Soloprojekte verfolgt, sowohl in Ghana als auch seinen ausländischen Wirkungsstätten. Die „3“ in seinem Namen ist im Übrigen keine Ziffer, sondern eine Spiegelung eines besonderen E-Lautes in der Sprache Twi. Genug der Smart Ass-Ausflüge. Den neuen Song hat M3nsa mit der ghanaischen Shooting Star Amaarae aufgenommen, die mit der Kombination aus Tomboy-Attitüde und Säuselstimme eine Ausnahmeerscheinung der Urban Africa-Szene sein dürfte. So wie dieser feine Titel überhaupt: kein Auto Tune, keine knalligen Rhythmusmuster und Macho-Gehabe allenfalls in selbstironischer Brechung. Und trotzdem ein Ohrwurm!
Osei Korankye Seperewa Of Ghana (Akwaaba Music/bandcamp)
Diese Musik ist für mich schlicht und ergreifend die schönste, die in Ghana gespielt wird. Verantwortlich dafür ist der elegant pluckernde Klang der Harfenlaute Seprewa, ein außerhalb des Landes stiefmütterlich behandeltes Instrument, das über verschlungene Wege auch mit der Kora verwandt ist. Dank Osei Korankye kommt sie wieder zu Ehren; er hat heute sein Album via bandcamp auf Akwaaba Music veröffentlicht. Von Osei gibt es auch ein paar youtube-Clips, die er just in jenem Innenhof der Musikabteilung der Legon University bei Accra gedreht hat, in dem ich 2010 die Highlife-Legende Ebo Taylor interviewt habe. Dekan am Musikdepartment ist der langjährige englische Ghana-Experte John Collins, der hier zusammen mit Osei Korankye fachkundig über die Seprewa spricht.