Márcio Faraco: Cajueiro (World Village/Harmonia Mundi)
Man sollte nie versuchen, die Cashewnuss, die ja eigentlich im Stiel der Cajú-Frucht eingeschlossen ist, im rohen Zustand zu knabbern. Am nächsten Tag könnte man mit Lollo Ferrari-Lippen rumlaufen – hier spricht jemand aus leidvoller Erfahrung. Márcio Faraco hat wohl keine schmerzhaften Erinnerungen an den Cashewbaum, denn er widmet ihm gleich seine ganze neue Platte, als Sinnbild für die reichen Verzweigungen in der brasilianischen Musik aus einem festen Stamm. Er selbst ist als Exilant in Paris ein grandioser „Branch-Off“ dieses Baumes. Delikater denn je tönt hier seine Stimme, in einem ganz eigenen kleinen Universum aus Bossa, nordestinischer Musik und Chanson.
Allgemein
Romantiker in gekacheltem Neopren
Foto: Stefan Franzen
Kraftwerk
ZKM Karlsruhe 13/09/14
Als die vier Herren Anfang letzten Jahres in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf ihren „Katalog“ spielten, habe ich eine These entwickelt. Eigentlich sind die Techno-Urväter empfindsame Poeten und verkörpern die beiden Antipoden der deutschen Seele: Präzision und Romantik. Das ZKM in Karlsruhe feierte jetzt 25-jähriges Bestehen und lud Kraftwerk zum Jubiläum. Gelegenheit also, diese These nochmals zu überprüfen. Weiterlesen
Schatzkiste #8: A Byrd on the Dancefloor
Donald Byrd And 125th Sreet, N.Y.C.: Love Byrd
(Elektra/Asylum Records, 1981)
Von den vielen Metamorphosen, die dieser Mann durchgemacht hat, ist das für mich die Schönste: Anfang der Achtztiger kam Donald Byrd schließlich auf dem Dancefloor an und schuf unter der Fuchtel von Isaac Hayes diesen herrlichen Klassiker zwischen Discofunk und Soulballaden. Seine Trompete ist dabei noch ordentlich prominent vertreten. Und am Schluss erhebt Mr. Hayes noch höchstpersönlich sein Bassorgan. Glück gehabt, dass diese Platte schon 1981 erschien, wenig später fing dann die E-Drums-Seuche an.
Donald Byrd And 125th Street, N.Y.C.: „Love Has Come Around“
Quelle: youtube
Ekstatische Mystik
Susheela Raman: Queen Between (World Village/Harmonia Mundi)
Als ich sie vor mehr als zehn Jahren getroffen habe, war sie gerade in einer Liebesfalle gefangen. Ihr damaliges Album „Love Trap“ widmete sich u.a. dem äthiopischen Crooner Mahmoud Ahmed. Doch Raman, Südinderin mit australischer und britischer Sozialisation, entwickelt für jedes ihrer Alben eine neue Vision, und fürs neue, sechste, hat sie sich auf die Pfade der pakistanischen Sufis begeben. Unterstützt wird sie dabei von den Qawwali-Musikern Rizwan Muazzam. Das Teamwork gipfelt in einem elfminütigen Sufi-Soul-Drama namens „Taboo“, das einen gewaltig durchpustet. Dazwischen gibt es original englisches Folkfeeling. Hippie-Anachronismus? Nein, zeitlose, akustische Popmusik mit spiritueller Erdung.
Susheela Raman: „Sharabi“
Quelle: youtube
Schatzkiste #7: Bad And Sad
O’Donel Levy: Simba
(Groove Merchant, 1973)
Wer auf der Suche nach funky Gitarristen ist und sich von den üblichen Verdächtigen wie George Benson wegbewegt, stößt schnell auf O’Donel Levy. Der Mann hat ein paar durchwachsene Platten gemacht, aber das hier dürfte sein Meisterwerk sein. Gleich der Opener „Bad, Bad, Simba“ hört sich an wie ein grandioses Blaxploitation-Interludium, das er mit jazzy Girlanden krönt. Das melancholische Gegengift zum bösen Simba gibt es dann auf der B-Seite mit dem traurigen Simba. Die Band steckt voll mit Könnern: Lew Soloff (tp), Cecil Bridgewater (flgh), Eddie Daniels (fl, bs), Steve Gadd (dr) und tatsächlich auch Tony Levin (b).
O’Donel Levy: Bad Bad Simba
Quelle: youtube
Schatzkiste #6: Die Perfektion des Hauchens
Astrud Gilberto: I Haven’t Got Anything Better To Do
(Verve, 1969)
entdeckt bei ebay
Ich mag Frau Weinert eigentlich gar nicht so, und sie ist ja nur zufällig zum Singen gekommen, als sie dann Senhora Gilberto wurde und sich bei den Sessions mit ihrem Mann João, Tom Jobim und Stan Getz in New York ein wenig aufdrängte. Der Rest ist Geschichte. Doch diese Platte ist einfach die brutalstmögliche Vertonung eines Schlafzimmerblickes und sollte nie beim kleinsten Schimmer Tageslicht gehört werden. Die hohe Kunst des Dahinhauchens, sowohl in Stimme als auch in den tiefenräumlichen Arrangements von Brooks Arthur. Gekauft habe ich mir sie eigentlich wegen der Burt Bacharach/Hal David-Komposition „Trains And Boats And Planes“. Da kann schon mal eine Träne auf Reisen gehen.
Astrud Gilberto: Wailing Of The Willow
Quelle: youtube
Schatzkiste #5: Golden Highlife
African Brothers Dance Band: Led By Paa Steel Ampadu
(Ambassador, 1969)
entdeckt bei: Maikaefer Hifiladen Freiburg
Ab und zu wird man doch fast neben der Haustür fündig. Fast konnte ich es nicht glauben, als ich in der Afro-Grabbelkiste eines Second Hand Shops unweit des Domizils auf diese Perle ghanaischer Popmusik gestoßen bin. In Nigeria avancierte ab Ende der 1960er durch Tony Allen, Fela Kuti und Geistesverwandte der Afrobeat zum Gebot der Stunde. Doch Ghana setzte weiterhin auf die Wurzel des Afrobeats, den Highlife. Eine der wunderbarsten Guitar Bands des Genres waren die African Brothers, hier in synkopischer Hochform mit dem typischen „Wailing“ (auf gut Deutsch: ein wenig unsauberer Gesang) in der Vokalabteilung. Man muss eigentlich Palmwine zu dieser irrsinnig schönen, schmelzenden Tanzmusik trinken.
African Brothers Dance Band: Abusua Nnye Asafo
Quelle: youtube
Die Reise zum Kern

Simin Tander: Where Water Travels Home (Jazzhaus Records/in-akustik)
„Wo das Wasser nach Hause fließt“ – das bedeutet für die Sängerin aus Köln eine Erkundung ihrer afghanischen Gene. Dieses Album ist ein Horchen auf ihre Wurzeln – nicht, um irgendein schickes Kolorit zu erzeugen, sondern aus einem tiefen Bedürfnis heraus. Die Klangsprache berührt: Jazz-Improvisationen begegnet sehr persönlichem Songwriting, Gedichte auf Paschtu einer Miniatur in Fantasiesprache, gekrönt von Tanders ergreifender Adaption eines Brel-Chansons. Eine der außergewöhnlichsten Stimmen aus Deutschland derzeit und eine heiße Kandidatin für die Platte des Jahres. Simin Tander ist bis Dezember auf Tournee – nicht verpassen.
Simin Tander: De Kor Arman (live at Bimhuis Amsterdam)
Quelle: youtube
Schatzkiste #4: Bebop im All
Betty Carter: Out There With Betty Carter
(Peacock Records, 1958; reissue: Nippon Columbia, 1978)
entdeckt auf der Plattenbörse Freiburg
Die Sputnik-Ära lässt grüßen: Weltraumspielzeuge machten damals nicht mal vor dem Bebop Halt. Aber sollte ich mal als Astronaut losgeschickt werden, könnte ich mir kaum eine bessere Begleitmusik auf der lange Reise vorstellen als diese Scheibe. Betty Carters warmer Alt im großem Bigband-Kontext, unter dem Stab von Altsaxer Gigi Gryce. Am besten gefällt mir das kokette „By The Bend Of The River“. Als Japanpressung habe ich das gefunden, auf der zwei Mal pro Jahr stattfindenden feinen Plattenbörse meines Städtchens.
Betty Carter: „All I’ve Got“
Quelle: youtube
Übers Wasser gehen
The Gloaming: The Gloaming (RealWorld/Indigo)
Allein schon das Cover hätte einen Preis verdient. Das Bild heißt „Passage“ und stammt von Robert und Shana ParkeHarrison. Die Passage, die hier musikalisch „geklopft“ wird, führt vom archaischen zum modernen Irland. Der gälische Sänger Iarla Ó Lionáird steht mit seiner herzblutenden Stimme im Mittelpunkt dieser entschleunigten Musik, Lichtjahre von wurzeligem Irish Folk entfernt. Stattdessen rückt das US-irische Kollektiv die alten Tunes in ein meditatives Licht, fast zen-artig entschlackt, mit irischer Fiddle, norwegischer Hardingfele, Gitarre und Piano. Das ist auf eine Art schon fast futuristisch.








