Side Tracks #6: Buffet-Groove

rail band
flagge maliOrchestre Rail-Band de Bamako:
Rail-Band Orchestra Of Bamako
(Reissue Mississippi Records, orig. 1970)

Es ist eine der legendärsten Aufnahmen der frühen afrikanischen Popmusik. Als Mali noch ein sozialistischer Staat war, unterhielt die Regierung verschiedene Unterhaltungsorchester. Dieses hier stellte der Direktor der malischen Eisenbahngesellschaft zusammen, naturgemäß hatte es im Bahnhofsgebäude der Hauptstadt Bamako seine Residenz. In seinen Reihen: ein sehr junger Salif Keita, der ab 1972 dann durch den Griot Mory Kanté aus Guinea ersetzt wurde. Tatsächlich wurzeln in dieser Band, die die ganzen Siebziger hindurch das Bahnhofsbuffet für die Fahrgäste an der Linie Dakar – Niger in einen groovenden Hexenkessel verwandelte, viele Komponenten des späteren weltmusikalischen Booms Westafrikas. Melismatische Gesangslinien, raues Sax und klackernde Gitarrensoli – der Sound der Rail-Band hat bis heute an Faszination nicht verloren.

In verschiedenen Metamorphosen hat die Rail-Band (als Super Rail Band) bis ins neue Jahrtausend überlebt. Der Bahnstrecke dagegen geht es nicht so gut: Die 1300km lange Trasse zwischen dem Atlantik und der Wüste bröckelt schon lange vor sich hin, die wenigen Züge, die noch zwischen der malischen Grenzstadt Kayes und Bamako verkehren, entgleisen des öfteren, die Waggons sind in einem erbärmlichen Zustand. Man hört in regelmäßigen Abständen von Renovierungsplänen und Investoren aus dem Ausland. Die Strecke zu bereisen, war mal ein Traum von mir – im Moment ist es eher fraglich, ob der noch wahr wird. Halten wir uns also an die Musik.

Orchestre Rail-Band de Bamako: „Mali Cèbalenw“
Quelle: youtube

 

Dina El Wedidi: Der Spirit vom Tahrir

dina 1

Foto: Shokry Mannaa


Auf dem Tahrir-Platz in Kairo war sie 2011 als Musikerin dabei und sang der Jugend den Hit „Lasst uns träumen“ entgegen. Heute ist die 27-jährige Dina El Wedidi eine der führenden Songwriterinnen der ägyptischen Nachrevolutionszeit. Sie genoss ein intensives Lehrjahr bei Gilberto Gil und streckt derzeit ihre Fühler nach Afrika aus, indem sie mit den Musikern des Nile Project die verbindende Kultur der größten Lebensader Afrikas zelebriert. Die Zukunft ihres Landes sieht sie zwiegespalten. Ich habe sie während der US-Tour des Nile Projects über Telefon in L.A. erreicht. Das dritte und vorerst abschließende Interview in der Serie mit arabischen Sängerinnen.

Dina El Wedidi, dass der Titel Ihres Debütalbums „Turning Back“, „zurückkehren, sich umdrehen“ heißt, überrascht mich etwas, denn Sie gehören ja zu der Generation der progressiven, nach vorne schauenden Musikerinnen Ägyptens. Warum haben Sie diesen Titel gewählt?

El Wedidi: Bei der Titelgebung habe ich auf eine sehr persönliche Weise an die Geisteshaltung gedacht, die ich während der letzten drei Jahre hatte. Ich probierte musikalisch eine Menge aus, experimentierte mit Rap, Fusion, Folk und Traditionen. Es war mir klar, dass ich einen eigenen Sound finden musste. Und da schien es mir das Beste, zu dem Gefühl zurückzugehen, das ich hatte, als ich allein mit meiner Gitarre in meinem Zimmer saß und anfing, Songs und Texte zu schreiben. Der Moment, bevor man als Songwriter raus zu den Musikern geht. Ein sehr intimer, warmer Moment. Gleichzeitig hat der Titel aber auch damit zu tun, dass wir, die junge Generation, drei Jahre nach der Revolution wieder zum genau gleichen Punkt zurückkehren müssen, an dem wir begonnen haben. Weiterlesen

Oum: Multiples Marokko

oum desert
Im zweiten Teil meiner kleinen Serie über Vordenkerinnen unter den arabischen Musikerinnen geht es um die marokkanische Sängerin Oum El Ghait, kurz: Oum. Ich habe sie vor kurzem in Strasbourg getroffen. Oum sieht tatsächlich ein bisschen aus wie eine Björk der Wüste, sie hat arabisches und westsaharisches Erbe, spricht mit einer fast poetischen, sanften Stimme und ihr Französisch hat einen sehr lebendigen Tonfall. Während des Interviews trägt sie eine Lederjacke, nachher auf der Bühne eine fantasievolle Tracht Marke Eigenbau. 
Wie immer folgt hier das Interview in einer ungeschnittenen Fassung.

Soul Of Morocco, der Titel Ihres Albums kann zweierlei heißen: Wollen Sie eine marokkanische Variante des amerikanischen Soul prägen, oder geht es um die Seele Marokkos?

Viele Leute denken, dass ich im CD-Titel auf den Musikstil Bezug nehme. Während ich mich autodidaktisch an die Musik herantastete, gab es tatsächlich eine Menge Soul und Gospel. Aber bei der Benennung des Albums habe ich eher daran gedacht, in gewisser Weise die Seele meines Landes zu zeigen, wie ich sie fühle und in mir trage, wie ich sie für mich übernommen habe. Eine Seele mit vielen Farben, die mit Leichtigkeit Einflüsse aus den Kulturen der ganzen Welt aufnehmen kann, sei es melodisch oder rhythmisch. Deshalb verwende ich auch Instrumente, die nicht zwingend marokkanisch sind. Ich will zeigen, was es heute heißt, Marokkanerin zu sein und Musik zu machen. Denn für den Westen ist es nicht so leicht zu verstehen, wer wir eigentlich sind. Wir sind nicht einfach orientalisch, sondern die westlichsten Menschen im ganzen Orient. Natürlich sind wir Araber, wir sind aber auch Berber und wir sind Afrikaner. Ich betreibe also auch ein bisschen Definitionsarbeit, natürlich auf sehr légere Art, nicht analytisch (lacht). Ich wollte ein eklektisches Album machen, Marokko ist nicht einfach dies oder das, es ist größer, es ist universell.
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Die klaffende Wunde

bjoerk vulnicuraFoto: One Little Indian

„Leak“ – das Leck, das Loch, die undichte Stelle. Die klaffende Wunde, die Björk auf dem Foto zu ihrem neuen Album Vulnicura trägt, und die das zentrale Thema, den Trennungsschmerz  symbolisiert, ist seit dem digitalen Klau um eine Bedeutungsebene reicher geworden. Eine Heldentat war es nicht, was die Piraten getan haben. Sie haben nicht nur in Björks künstlerischen Zeitplan eingegriffen, sie haben uns Hörer auch eines unschätzbaren Gutes beraubt – der Vorfreude. Eine Kritik zum Album kommt deshalb hier erst, wenn Vulnicura im März in der analogen Welt erscheint.

 

Streichlauten-Schlaraffenland

magi kamanchehVarious Artists
Magic Kamancheh 
(NoEthno/Galileo)

Umfassenderes als das 4 CD + 1 DVD-Schmuckkästlein ist zu diesem Thema nicht denkbar. Der künstlerische Leiter des TFF Rudolstadt, Bernhard Hanneken hat von den Philippinen bis Finnland, von Japan bis Ägypten Klangbeispiele des globalen Instruments zusammengetragen, stellt in profund recherchierten Begleittexten die Lautenvarianten sonder Zahl vor und würzt mit nahezu mythischen Fotodokumenten. Eine der vier CDs hat sich ausschließlich Indien verschrieben, eine andere (und die DVD) gibt ein Konzert vom TFF aus dem Jahr 2002 wieder.  Man kann sich in den verschiedenen Klangvarianten dieses Instruments, das vielleicht wie keines auf der Erde der menschlichen Stimme nahe kommt, ohne weiteres einen kompletten Tag verlieren. Völlig berechtigt ist die Produktion gerade mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet worden.

Ram Narayan at Shiraz Arts Festival
Quelle: youtube

Rapping Zen

criolo

Foto: Caroline Bittencourt

Criolo
Convoque Seu Buda
(Sterns/Alive!)

Auf seinem dritten Werk würzt der 39-jährige Kleber Gomes mit eklektizistischer Wollust Rap mit Funk, akustischem Samba und machtvollem Reggae. Statt auf Gossen-Attitüde setzt der Mann aus São Paulo auf sanfte Gesangslinien und raffinierte Texturen: Indianische Flöten begegnen da freien Saxlinien, flirrende Geigensamples konterkarieren die Bass Drum. Der Sound ist selten aggressiv, mitunter sogar fröhlich. Dabei geht es textlich zur Sache, Profitgier von Stadtplanern, zeitgenössisches Sklaventum und Generalstreiks stehen auf der poetischen Tagesordnung. Dabei, so verrät der Titel der Scheibe, geht es Criolo immer darum, die Hoffnung auf soziale Gleichstellung, Bildung und Kultur für jeden nicht zu verlieren, den inneren Buddha zu erwecken. In Brasilien kann HipHop sogar auf Zen treffen. Mehr zu ihm hier.

Criolo: „Pegue Pra Ela“
Quelle: youtube

Vulnicura

vulnicura

 

Diese Handschrift ist unverkennbar, und auch die schöne Wortschöpfung kann nur von EINER kommen. Verletzlich (vulnerable),  die römische Göttin Cura und die Sorge stecken drin – und auch um den Vul-kan kommt man bei der isländischen Connection nicht rum. Bis uns Björk im März musikalischen Aufschluss gibt, dürfen wir noch ein bisschen weiterraten.

Schatzkiste #15: Liedschmied

jimmy webb - land's endJimmy Webb
Land’s End

(Asylum Records, 1974)

entdeckt bei Discogs

Könnte ich Songs und Arrangements schreiben wie er, würde ich den Journalismus sofort an den Nagel hängen und mich jeden Tag allein eine Stunde über dieses Talent freuen wie ein Schneekönig. Jimmy Webb hat nicht nur grandiose Hymnen wie „MacArthur Park“ oder „Wichita Lineman“ aus einer anderen Dimension geholt, sondern auch die treffendste und witzigste Abhandlung übers Songwriting verfasst, die ich kenne (Tunesmith, Hyperion 1998). Auch mein so geliebter Soul lebt von seinen wunderbaren Klangtexturen (zum Beispiel Thelma Houstons Sunflower). Viele Kollegen sind der Meinung, dass er nicht der beste Interpret seiner eigenen Songs war. Diese LP straft sie Lügen. Der feine, leicht country-eske Wintersound läuft mir seit etlichen Tagen nach – und Webbs Stimme war Mitte der Siebziger auch auf dem Zenit. Die Platte gipfelt in einem orchestralen Finale, zu dessen leichtem Schmalz man sich schamlos bekennen kann.

Jimmy Webb: „Land’s End / Asleep On The Wind“
Quelle: youtube

Tania Saleh: Nur das Meer kümmert sich

tania salehDie Ereignisse in Paris während der letzten Tage dürfen uns Journalisten nicht verstummen lassen – gerade dann nicht, wenn wir über eine arabische Kultur berichten, die sich immer gegen jegliche fundamentalistischen Umtriebe gewehrt hat und weiter wehren wird. Bei einem „Je Suis Charlie“ darf es nicht bleiben, auch nicht bei Schweigemärschen, an deren Spitze Staatschefs marschieren, die sich bald schon wieder von Wahlkampfinteressen leiten lassen, sich „christlich“ nennen und weiterhin Waffen exportieren. Wir müssen den Denkern und Dichtern der arabischen Welt zuhören, die eine kritische Auseinandersetzung mit dem Gewaltpotenzial im Islam fordern und eine exegetische Aufarbeitung des Korans fürs 21. Jahrhundert anregen. Und wir müssen den Frauen zuhören, die sich von den traditionellen Rollenbildern verabschieden. Ohne die Emanzipation der Frauen wird es in der arabischen Welt nicht weitergehen. Als Musikjournalisten haben wir die Pflicht, diesen Frauen vermehrt eine Stimme zu geben.  Deshalb wird es eine kleine Serie mit Interviews geben, die ich mit einigen von ihnen geführt habe und führen werde. Den Anfang macht die Libanesin Tania Saleh.

Wie immer gibt es hier eine Umschrift des kompletten Interviews, ungekürzt und ungeschönt. Für Leser, die sich für eine dramaturgischere Fassung interessieren, kombiniert mit Musik, empfehle ich meine Sendung über Tania Saleh, die WDR 3 open SoundWorld am 3.2. um 23h05 ausstrahlen wird.

„Arabische Männer mögen im Krieg sein, arabische Frauen jedoch sind im Frieden“, sagt Tania Saleh. Die libanesische Sängerin hat 15 Jahre Bürgerkrieg erlebt und überquerte in ihrer Jugend mit Rockbands die feindlichen Linien. In Paris ließ sich sie sich von den Künsten inspirieren, stieg später in die Werbebranche ein und zeichnete auf ihren ersten Alben mit bissigen Kommentaren ein schonungsloses Bild der libanesischen Gesellschaft. Weibliches Selbstbewusstsein und feine Liebespoesie prägen „Shwayit Souwar“,  das neue Werk der 46-jährigen, auf dem sie mit Bossa Nova-Rhythmen ruhigere Töne anschlägt. Dabei ist ihre scharfe Zunge ungebremst, angesichts eines Beiruter Alltags, den immer noch Korruption, Sektierertum und tägliche Gewalt beherrschen. Tania Saleh – eine Vorkämpferin für die moderne arabische Frau, deren Heimatstadt Beirut sich tief in ihre Musik eingebrannt hat.
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