Arabesque #3

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Die Sounds von Marrakech.

Das Dröhnen des alten (?) Muezzins der Nachbarmoschee, sein Gebetsruf tönt des morgens um 5 einer gekurbelten Sirene gleich, frei von jedem Ornament.

Vielfaches Klappern der Störche auf den roten Mauern über den versunkenen Gärten des Saadier-Palastes  in der schon brütenden Morgenhitze.

Die Armada der knatternden Mopeds, die sich halsbrecherisch durch die Gassen bugsieren, vollverschleierte Frauen und junge, geschminkte Damen stehen in der Harakiri-Fahrweise den Jungs nicht nach.

Vögel in den Kronen einer Palme, aufgeregtes Flöten und Zischen, unscheinbar schwarz die Lieferanten des Gesangs.

Die Kupferschmiede auf dem Place des Ferblantiers, sind ihre metallenen Hammerschläge geheimnisvoll verbunden mit dem einzeln aufzuckenden Blitz über dem Atlas?

Das unablässige Werben der Souk-Händler um Kunden, auf Darija, Amazigh, Französisch, Englisch, das Gewirr der Trommeln, archaischen Streichlauten, das Becherklappern der Wasserverkäufer, die rauen Stimmen der Geschichtenerzähler und Gnawasänger, fortgetragen im Rauch der Garküchen über dem Djemaa El Fna.

Kunst- und kraftvoll ziseliert steigert sich der Muezzin des Elfuhrrufs, ganz anders als sein früher Kollege, man hört schier seine Halsschlagader schwellen.

Und in den nächtlichen Gassen der Mellah ein plötzlicher Schrei, nicht sagbar ob von Mann oder Frau, gefolgt von schnellen Schritten und erwidert von einem traurigen Hund.

 

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Fotos © Stefan Franzen

Arabesque #2

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Wie sich die Ornamente im Bahia-Palast fürs Auge verschlingen, reihen sich auch die Gerüche dieser Stadt in fließenden Windungen aneinander, treffen glühend auf die Nase:

Brotduft aus der jüdischen Bäckerei – Jasminsüße – Pferdepisse – würziger Kaffee – beißender Pfeffer – kühler Hauch von Lehmziegelmauern – Oleanderblüten – Kreuzkümmel – Chlor aus der Wasserflasche – der Dampf des Minztees.

 

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Die Hitze – man denkt sie sich am besten als großes, schweigendes Tier, dass den Kampf gegen den Menschen unweigerlich am Nachmittag gewinnen wird. Es wartet ruhig auf seinen gewissen Triumph, bevor es selbst sich endlich auch zur Ruhe begeben muss.

 

OLYMPUS DIGITAL CAMERAFotos © Stefan Franzen

 

Frau Koning singt Bossa aus Holland

chamber music project

The Chamber Music Project
Who’s The Bossa?
(Music&Words/Galileo)

„Casa“ nannte sich 2001 eines der schönsten jemals erschienenen brasilianischen Alben: Ryuichi Sakamoto und das Ehepaar Paula und Jacques Morelenbaum überführten mit Stimme, Piano und Cello die Bossa Nova in eine traumgleiche klassische Sphäre. Wer sich hier auf die Pfade des Nachahmens begibt, kann eigentlich nur scheitern. Umso überraschender, dass The Chamber Music Project an „Casa“ sehr oft überzeugend anknüpfen können. Das niederländisch-brasilianische Quartett geht dabei über die Sphäre von Jobim hinaus, integriert auch Heitor Villa-Lobos, Ivan Lins (der ein Fan der Musiker ist), selbst Cole Porter in den Fluss der ruhigen Melancholie. Und was man auch nicht alle Tage hat: Vokalistin Josee Koning singt das Portugiesische wie ihre Muttersprache.

Josee Koning: „É Luxo Só“
Quelle: youtube

Großer Wurf aus Kuba

yilian canizares invocacionYilian Cañizares
Invocación
(Naive/Indigo)

Aus einem Tribut an ihre Vorfahren macht die Sängerin und Violinistin in Quartettbesetzung ein begeisterndes Konzeptalbum: In ihren beseelten Improvisationen auf der Geige verzahnen sich furios Karibik, Jazz und Klassik, oft gedoppelt durch leidenschaftliche Scat-Passagen. In ruhigeren Stellen, etwa einem zärtlichen Wiegenlied, paart sich ihre warme Altstimme mit dem sanften Gang des Flügels. Jedes Stück der Wahlschweizerin ist ein kleines dramaturgisches Meisterwerk. Selbst dem abgearbeiteten „Non, Je Ne Regrette Rien“ gewinnt sie neue Seiten ab, mit gepflegter Latinunterfütterung und Streichorchester aus der Ferne. Im Finale gibt es einen kaum merklichen Überraschungsaufritt von Akua Naru.

Yilian Cañizares: „Invocación – Live At Cully“
Quelle: youtube

A modern tale of Africa

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 Bull Doff, Fabrice Monteiro (Benin/Belgien):  „The Missing Link“, 2014.
Farbabzug auf Dibond, 80 x 120cm. Courtesy of M.I.A. Gallery
© Mode & Accessoires: BullDoff; Fotos: Fabrice Monteiro; Setdesign: Aam; Make-Up: Muzz Design

 

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Omar Victor Diop (Senegal): »Mame« + »Aminata« ,
Fotografie aus der Serie/ photograph from the series »The Studio of Vanities«,2013.
© Victor Omar Diop, 2014, Courtesy Magnin-A Gallery, Paris

 

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Gonçalo Mabunda (Angola), »www.crise.com«, 2012, Thron,
Collection Vitra Design Museum, Foto: Stefan Franzen

 

Einige Impressionen aus meinem Besuch der anregenden Ausstellung Making Africa im Vitra Design Museum Weil am Rhein.  Sie läuft noch bis zum 13. September.

 

 

Phetogo Tshepo Mahasha (Südafrika): „Yiy“ (Musik: Muhsinah)
Quelle: youtube

NZ unter Soul-Strom

electric wire hustleWenn von  neuseeländischer Musik geredet wird, sind Fat Freddy’s Drop in aller Munde.  Von Electric Wire Hustle allerdings spricht kaum jemand. Doch Mara TK und Taa Ninh pflegen eine so spannende Legierung aus Electronica und Soul, dass ich sie im Zweifelsfall über die Freddies stellen möchte.  Mara TK, ein rothaariger Maori, kann zudem mit dem Pfund einer Stimme wuchern, die stark an Marvin Gaye erinnert. Vor dreieinhalb Jahren waren sie bereits am Stadtmusikfestival Basel, jetzt kehren sie mit dem aktuellen Album Love Can Prevail ans Rheinknie zurück: Dringender Konzerttipp für die Kaserne am kommenden Samstag, 25.4.

Electric Wire Hustle: „Light Goes A Long Way“
Quelle: muzu.tv

 

Beckhams Fußkäse

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Heute ist der Green Belt Of Sound mal ausnahmsweise ein Green Belt of Smell.

Ich habe gelernt:
Es lässt sich Käse aus David Beckhams Fußschweißbakterien herstellen.
Der synthetisch reproduzierte Geruch von 20 Phobikern löst Panikgefühle aus.
Es herrscht ein Konsens darüber, dass ein Parfüm „grün“ riecht.
„Smellscapes“ sind Karten von Gerüchen.
Düfte machen Gebete sichtbar.

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Danke an Sissel Tolaas, Caro Verbeek, Madalina Diaconu, die beim Interdisziplinären Symposium des Museum Tinguely Basel neue Welten offenbart haben.
Die Ausstellung La Belle Haleine läuft dort noch bis zum 17.5.
Dringende Empfehlung.

belle haleine 3Fotos: Stefan Franzen

Amerikas neue Folk-Charismatikerin

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Mit den Carolina Chocolate Drops hat sie pionierhaft die Geschichte der schwarzen Stringbands Amerikas aufgearbeitet, nun setzt sie auf Soloarbeit. Die Sängerin, Geigerin und Banjospielerin Rhiannon Giddens ist das neue Gesicht der amerikanischen Folkbewegung, sie vereint Qualitäten von Joan Baez, Odetta, Dolly Parton und Nina Simone, denen sie auf ihrem Debüt „Tomorrow Is My Turn“ (Nonesuch/Warmer) allen ein sehr lebendiges Denkmal setzt. Bevor sie im Sommer einige wenige Deutschlandkonzerte spielen wird, habe ich mit ihr gesprochen. Weiterlesen