Ohren auf Weltreise mit Bassekou Kouyate & Amy Sacko


„Ohren auf Weltreise – Geschichten & Klänge aus Westafrika“

Bassekou Kouyate & Amy Sacko mit Stefan Franzen

Reithalle Offenburg – 14.3.2026 – 20h
Kommunales Kino Freiburg – 15.3.2026 – 19h

Er ist „ein Genie und der lebende Beweis dafür, dass der Blues aus Mali kommt“, sagt Taj Mahal über seinen Kollegen Bassekou Kouyate. Nach 5 CDs mit seiner Band Ngoni Ba veröffentlichte der Meister der Spießlaute Ngoni 2025 Djudjon, ein Album mit seiner Frau Amy Sacko. Damit landete das Paar in den World Music Charts auf Platz 1. Das kammermusikalische Programm ist eine berührende Hommage an seine Eltern und an die Kultur der Griots (die Geschichtenerzähler und Gesellschaftskommentatoren Westafrikas).

Vor dem Set des malischen Duos lese ich mit Klangbeispielen aus seinem Buch „Ohren auf Weltreise“. Die aktuelle Lesestrecke ist eine Reise durch die westafrikanische Klangwelt: Wir hören Spannendes über die Musik aus Mali, lernen herausragende Stimmen und starke Frauengestalten kennen und erfahren, wie die Musik-Traditionen Malis verflochten sind mit dem Blues der USA, mit Klängen aus Kuba, aus Mauretanien und mit der Tradition der marokkanischen Gnawa.

VVK Offenburg

VVK Freiburg

Bassekou Kouyaté & Amy Sacko: Live in Göteborg 2023
Quelle: youtube

(he)artstrings #32: Jimmy erfindet, Roberta veredelt

Roberta Flack / Jimmy Webb: „Do What You Gotta Do“
(aus: Chapter Two, Atlantic 1970)

Jimmy Webb erinnert sich in seinem Buch Tunesmith (Hyperion 1998), wie er das erste Mal Roberta Flacks Version seines Songs „Do What You Gotta Do“ hörte. Er stellte fest, dass ihre Melodie kaum noch etwas zu tun hatte mit seinem Original und fing spontan an, seine ursprüngliche Gesangslinie hinzuzufügen. „My God, what a gorgeous duet it was!“, so sein Kommentar.

Webb hat dieses Lied mit zarten sechzehn Jahren geschrieben und die damals vielleicht persönlich durchlebte Erfahrung in Töne gegossen, wie eine Frau, die wohl eine „Schuhgröße“ zu viel für den Knaben hatte, ihn wieder verlässt. Dem von Liebeskummer Geplagten schwante das zwar von Anfang an irgendwie, es stürzt ihn aber nichtsdestotrotz ihn tiefste Melancholie. Der erste Interpret dieses Stücks war 1966 Johnny Rivers, eine Motown-Version folgte drei Jahre später mit den Four Tops. Webb selbst, oftmals nicht der beste Interpret seiner eigenen Werke, hat den Song auch mehrfach aufgegriffen, spielt ihn auch heute noch bei Soloauftritten am Klavier.

Was Roberta Flack aber aus „Do What You Gotta Do“ geformt hat, ist in einer eigenen Liga, und ich gebe zu, bei ihrer Version treibt es mir die Tränen in die Augen. Im ruhigen Gang, mit clever umgekehrten Akkorden in der rechten Piano-Hand und ihrer so typisch unaufgeregten Stimme, die sich über Minuten zu einer völlig unforcierten Inbrunst steigert, spiegelt sie die Verzweiflung eines gebrochenen Herzens formvollendet wider – und in einem Kunstgriff überträgt sie Jimmys Story dann natürlich auch noch auf die Perspektive des anderen Geschlechts.

Heute, am 1. Todestag von Roberta, teile ich „Do What You Gotta Do“ in mehreren Varianten: Die Studio-Version von Flacks zweitem Album Chapter Two, die der brasilianische Meister-Textierer Eumir Deodato geadelt hat – mit Streichern, die in den Geigen wie Espenlaub zittern und in den tiefen Lagen waidwund seufzen – bleibt aber unerreicht. Musik aus einem Amerika, das es nicht mehr gibt.

1. Roberta Flack (arr. Deodato, 1970)
Quelle: youtube
2. Roberta Flack (live in Montreux 1971)
Quelle: youtube

3. Johnny Rivers (1966)
Quelle: youtube

4. Four Tops (1969)
Quelle: youtube

5. Jimmy Webb (2010)
Quelle: youtube

Auf deiner blauen Seele

Heute ist der Geburtstag von Else Lasker-Schüler. Auch mehr als 80 Jahre nach ihrem Tod in Jerusalem wirkt die „größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte“ (O-Ton Gottfried Benn) musikalisch in allen Sparten nach. Ein besonders schönes Beispiel kommt von der Sängerin und Komponistin Christa Abels. Sie ist in Südbaden geboren und hat sich nun in Dresden in der klassischen Musik, der Filmmusik und im Songwriting etabliert. Wiederholt hat sie sich mit der Dichterin aus Elberfeld beschäftigt und widmet ihr auf dem neuen Album Mit den Zugvögeln fort den Löwenanteil der Gedichtvertonungen.

„Auf deiner blauen Seele“ ist ihre Adaption von Elses „An den Prinzen Tristan“, Lasker-Schülers Dichterfreund Hans Ehrenbaum-Degele ist damit gemeint. Blau, das war für Else Lasker-Schüler die Farbe der Dichter: Blau ist ihr der Himmel, und zwar der metaphysische. An Karl Kraus schreibt sie: „Ich denke an den Nazarener, er sprach erfüllt vom Himmel und prangte schwelgend blau, daß sein Kommen schon ein Wunder war, er wandelte immerblau über die Plätze der Lande. Und Buddha, der indische Königssohn, trug die Blume Himmel in sich in blauerlei Mannichfaltigkeit Erfüllungen.“ Blau war ihr auch jede Seele und jedes Herz, dem die freundschaftliche, seelenverwandte Liebe heilig war – das blaue Herz, das es heute bis in die Palette der Emojis hineingeschafft hat.

In Kürze mehr zu Else Lasker-Schüler und ihren Komponist*innen und Liedermacher*innen!

Christa Abels: „Auf deiner blauen Seele“
Quelle: bandcamp


Der Highlife-König verlässt den Thron

Foto © Stefan Franzen

In Ghana wehen die musikalischen Flaggen auf Halbmast: Mit Ebo Taylor ist am 7. Februar einer der Grandseigneurs der Highlife-Geschichte des Landes im Alter von 90 Jahren verstorben. Der Gitarrist, Bandleader und Komponist kam 1936 in Cape Coast zur Welt und prägte von Beginn seiner Karriere an die ghanaische Popmusik. Als Ghana 1957 seine Unabhängigkeit erklärt, formt er in der Ashanti-Kapitale Kumasi erste eigene Bands, die Stargazers und die Broadway Dance Band und saugt Einflüsse von Miles Davis bis Sonny Rollins auf. Für seinen charakterstarken, kantigen und synkopischen Gitarrenstil findet er in Wes Montgomery ein Vorbild.

Gefördert von Staatschef Kwame Nkrumah geht er 1962 nach London und heckt dort mit dem Nigerianer Fela Kuti Pläne für die Weiterentwicklung des Highlife aus: „Wir Ghanaer haben damals viel mit den Nigerianern gejamt, ein reger Austausch, als Konkurrenz habe ich das nie empfunden“, sagte er mir 2010. „Irgendwann realisierte ich, dass unsere Musik nach der Kolonialisierung sehr nach Dur klang, ganz im Gegensatz zu der unserer Vorfahren. Ich fühlte, dass der Funk ein Weg war, da rauszukommen.“

Das realisiert er mit einer ganzen Latte von Bands, unter ihnen die Blue Monks, die legendäre Uhuru Band, die Apagya Show Band oder auch das Underground-Projekt Asaase Ase, mit dem er die Musik der Fante-Küstendörfer und der Kriegerkaste Asafo mit funky Feeling versieht. Er schreibt Hits wie „Heaven“ und „Atwer Abroba“, veröffentlicht in den Siebzigern Solo-Alben, komponiert und produziert für die führenden Plattenfirmen Ghanas wie Essiebons, betreut deren Highlife-Stars Pat Thomas und C.K.Mann.

Ebo Taylor stand lange im Schatten von Fela Kuti und Tony Allen, wobei er stets betonte, dass deren Afrobeat doch eigentlich nur eine weitere Variante des ghanaischen Highlifes war. Erst in den Nullerjahren wird die aktuelle Generation von afrobegeisterten Musikern auf ihn aufmerksam und regt generationenübergreifende Projekte an. „Love And Death“ ist der erste Output während Taylors zweitem Frühling, angestoßen von Ade Bantu und seiner Afrobeat Academy. Dem kulturellen Niedergang in seiner Heimat schafft der Musiker noch im Alter Abhilfe: Er wird Gitarrenlehrer im Music Department der University of Legon in der Hauptstadt Accra, wo er mich im September 2010 im leuchtend blauen Gewand und in beeindruckend gelassener Würde zum Gespräch empfing.

Weitere Alben wie „Appia Kwa Bridge“ und „Yen Ara“ festigen Ebo Taylors Vermächtnis der späten Jahre, und erst kürzlich hat er noch für das Label Jazz Is Dead mit Adrian Younge gearbeitet. Er prägte die R&B-orientierte junge Hiplife-Generation seines Landes, beeinflusste aber auch den US-HipHop von Usher, den Black Eyed Peas oder Kelly Rowland, die ihn alle sampelten. Kein Wunder also, dass Taylor in Ghana dieser Tage von höchster Stelle geehrt wird: „Er wird als einer unserer größten Musiker aller Zeiten in Erinnerung bleiben, als ein Mann, der sich dafür einsetzte, ghanaische Musik auf die Weltkarte zu bringen, zu einer Zeit, als andere Musikgenres im Vordergrund standen“, sagte der Sprecher des Präsidenten gegenüber der BBC.

© Stefan Franzen

Ebo Taylor live at Théâtre de la Mer, Sête 2015
Quelle: Dailymotion

Flucht-Grooves

Louis Matute
Dolce Vita
(Naïve/Believe)

Irreführender könnte der Albumtitel kaum sein: Der Genfer Gitarrist Louis Matute  hat mit Dolce Vita ein sehr ironisches Motto gewählt, um auf seinem neuen Werk bittere Familienhistorie zu verarbeiten. Er erzählt die Geschichte der Militärdiktaturen von Honduras, die erzwungene und dramatische Flucht seines Großvaters, während einer kurzen Demokratie-Phase Wirtschaftsminister und Reformer, dann an Leib und Leben bedroht. So täuscht auch der friedliche Eingangsgroove von „Santa Marta“, bis Matute mit einem ruppigen Solo den Schmerz über ein Massaker in Töne gießt. Der Wunsch nach Flucht wird zu sparsamen Piano-Tropfen im Folgestück vom Tenorsax (Léon Phal) ebenso hitzig verkörpert.

In „Les Veines Noires De Son Cou“ weitet die Band das Klangbild sphärisch mit strahlender Orgel und Staccato-Gitarren, bevor sich mit „Tegucigalpa 72“ der Zorn über die Rückkehr der Diktatur mit verzerrt blubbernder Trompete (Zacharie Ksyk) in einem Mambo-Gewitter kanalisiert. Ruhepole in diesem musikalischen Polit-Drama gibt es mit einem Zwitter aus afrokubanischem Groove und brüchigem Spoken Word („I’ll See You Soon“), sowie in sanften Gesangs-Interludien, die mit Dora Morelenbaum und Joyce Moreno, glühende Matute-Bewunderin, nach Brasilien entführen. Meisterhaft räumlich haben Matute und Genossen diese Stücke arrangiert und schaffen einen turbulenten Ort, an dem sich Latin-Bigband, die Essenz des Santana-Sounds und tropische Coolness jenseits von Vintage-Chique zu etwas Zeitlosem amalgamieren.

© Stefan Franzen

Louis Matute: „Tegucigalpa ’72“
Quelle: bandcamp